Als wir bei lauwarmem Bier aus Plastikbechern in der Konzertpause der gestrigen Aufführung von Video Games Live das bisher Gehörte Revue passieren ließen, gingen die Meinungen weit auseinander. Andreas, dem die bisherigen Eröffnungskonzerte im Gewandhaus immer etwas zu dröge waren, hatte an dem seiner Meinung nach zielgruppengerechteren VGL weit mehr Spaß. Robert wunderte sich über den blechernen Sound, Mo nahm verblüfft zur Kenntnis, dass das Publikum die gar nicht persönlich anwesenden, sondern nur per Video eingeblendeten Komponisten beklatschte und selbst den Werbebotschaften eines bekannten Mäusezüchters enthusiastischen Beifall spendete und ich, tja, ich wußte eigentlich überhaupt nicht, was ich von der Veranstaltung halten sollte. Wußte ich auch anderthalb Stunden später noch nicht, als wir uns nach einem langen Konzertabend ins Leipziger Nachtleben stürzten. Video Games Live war anders, als ich erwartet hatte. Nicht unbedingt besser, aber anders.
Die spaßigsten Momente des Abends waren nämlich ausgerechnet jene, von denen ich mir im Vorfeld am wenigsten versprochen hatte: die Augenblicke mit Zuschauerinteraktion. Jemand spielt, vom Orchester begleitet, Space Invaders, indem er selbst als das Raumschiff über die Bühne hetzt. Die Schöne und das Biest spielen Frogger gegeneinander. Ein Guitar Hero-Wettbewerbsgewinner versucht, einen mittelmäßigen Aerosmith-Song auf der Plastikgitarre nachzuspielen, während Orchester und Tommy Tallarico an der echten E-Gitarre sich alle Mühe geben, ihn aus dem Konzept zu bringen. Überhaupt muss man Tallaricos Fähigkeiten als Entertainer Respekt zollen. Er führte auf eine lockere und spritzige Art durch das Konzert, die man sich von den diversen Moderatoren der Eröffnungskonzerte der letzten Jahre im Gewandhaus sehnlichst gewünscht hätte.
Die Zeit in der Arena vor Konzertbeginn und nach dem Ende der Veranstaltung nutzte ich übrigens für mein eigenes »Spiel mit Zuschauerinteraktion«: Ich versuchte, jemanden zu finden, der tatsächlich die fälligen fünfzig Euro für eine Karte der höchsten Preiskategorie ausgegeben hat. Solche Leute muss es zweifellos gegeben haben, aber ich scheiterte dennoch. Die Typen neben mir waren Pressevertreter, die netten Mädels eine Reihe hinter uns hatten ihre Karten aus einem Preisausschreiben und Mo und ich erstanden unsere A-Kategorie-Tickets eine halbe Stunde vor Konzertbeginn für fünfzehn Euro von einem weiteren Gewinnspielopfer, das es irgendwie geschafft hatte, sechs Karten für lau zu ergattern, obwohl es nur zwei davon brauchte. Trotz der zahlreichen verlosten Tickets und der großen Werbekampagne blieb die Arena insgesamt erschreckend leer. Über dem noch gut gefüllten Parkett lagen weitgehend verwaiste Ränge, und das obwohl man zur Verkleinerung des zu beschallenden Raumes die Bühne schon weit in den Saal hinein verlegt hatte.
Doch kommen wir zur überwiegend gut ausgewählten Musik. Die Arrangements von Metal Gear Solid, Zelda, Civilization IV, Super Mario, Final Fantasy VII und Castlevania sind vielleicht nicht neu, funktionieren aber immer wieder. Ausgerechnet das angestrebte Highlight, die Weltpremiere eines Crysis-Medleys, konnte aber nicht überzeugen. Auf dem Papier liest sich die Idee, zum Auftakt einer deutschen Spielemesse Musik aus dem »award-winning game« eines deutschen Vorzeigeentwicklers zu spielen, noch ganz gut, vor allem wenn man den Auftritt geschickt mit Werbung für das demnächst erscheinende AddOn verknüpfen kann. Vielleicht entscheidet man sich, wenn es denn schon Aktuelles aus deutschen Landen sein muss, das nächste Mal aber doch lieber für Musik aus der Anno-Reihe, aus Drakensang oder Ähnliches, denn das gespielte Crysis-Medley war leider völlig generischer Mist, der aus jedem x-beliebigen Shooter hätte stammen können und von dem nichts, aber auch gar nichts hängen blieb. Das später gespielte Halo-Medley ist da schon auf einem völlig anderen Level und zeigt, wie Egoshooter-Soundtracks eben auch klingen können. Schade für die mitsamt Transparenten angereiste Fraktion der Crytek-Mitarbeiter, die stellvertretend für den Gesamtbetrieb einen Programmierer, einen Sounddesigner und einen »Event Manager« auf die Bühne schickten. Nur Komponist Inon Zur war nirgendwo zu sehen, nicht einmal per Videobotschaft.
Generell und über alle Arrangements hinweg zu wünschen übrig ließ die Klangqualität, was schade ist, denn das Orchester der Neuen Philharmonie Frankfurt lieferte eine passable Leistung ab und auch der Chor konnte, von einigen Einbrüchen in Warcraft einmal abgesehen, überzeugen. Nur leider waren beide viel zu klein besetzt, Chor und Orchester würde ich zusammen auf höchstens sechzig Personen schätzen. Aus einer solchen geradezu kammermusikalischen Ausgangsposition heraus den Klang eines großen Sinfonieorchesters in einer Halle wie der Arena simulieren zu wollen, ist aussichtslos. Auch die Tonregie kann halt nur verstärken, was schon da ist, und arbeitete den ganzen Abend über hart an der Grenze zu häßlichen Rückkopplungseffekten. Geholfen hätte eventuell noch, wenn in der Tonregie tatsächlich jemand gewußt hätte, wann und wo in welchem Arrangement welche Stimmen und Instrumentengruppen wichtig und welche unwichtig sind. Allzu oft gingen Melodien in einem Meer aus Nebenstimmen und Schlagzeug unter. Statt des satten Klanges eines großen Sinfonieorchesters dominierte blechern-dumpfer Lautsprechersound. Weh tut das gerade bei Soundtracks wie Warcraft oder Castlevania, die einem aus dem Gewandhaus noch gut in Erinnerung sind. Gut in Erinnerung ist mir aus dem letzten Jahr auch Takenobu Mitsuyoshi am Flügel, vom diesjährig auf dem E-Piano klimpernden Martin Leung allzu begeistert zu sein, fiel mir deshalb schwer. Der spielte seine Soli zwar frei von musikalischem Ausdruckswillen, aber ebenso wie seine Tetris-Einspielung auf der VGL Volume One-CD (man achte mal auf die Basslinien) nicht frei von falschen Tönen herunter.
Trotz der musikalischen Defizite ist Video Games Live mit seinen Schauspielern, Scheinwerfern und Nebelmaschinen, seinen interaktiven Elementen und der in vielen Fällen gut genutzten Videoleinwand insgesamt aber durchaus ein kurzweiliges Spektakel, ein Gesamtkunstwerk, an dem man wie am durchschnittlichen Hollywood-Blockbuster seinen Spaß haben kann, solange man die eigenen Ansprüche nicht allzu hoch schraubt und sich damit abfindet, dass die ganze Action schlussendlich ziemlich belanglos ist. Wie zu Beginn des Jahres schon geschrieben, ist es allerdings kein Ersatz für die bisherigen sinfonischen Spielemusikkonzerte, dafür ist die Ausrichtung der beiden Veranstaltungen einfach zu verschieden. Video Games Live geht im nächsten Jahr auf Deutschland-Tour und dürfte damit an genügend Terminen hierzulande zu erleben sein. Für die Eröffnung der nächstjährigen Kölner Videospielmesse hoffe ich allerdings auf ein klassisches Spielemusikkonzert auf hohem musikalischen Niveau im feierlichen Rahmen, wie ihn beispielsweise die Kölner Philharmonie böte.
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