GC = GAMESCom

von chris · 25. Februar 08 ·

GCSo schnell kann der Wind sich drehen. Beklagten wir uns Anfang des Jahres noch über das Ende des sinfonischen Eröffnungskonzertes der GC, sieht es inzwischen so aus, als sei Produzent Thomas Böcker mit den WDR-Konzerten nur schon vorgefahren – in die Stadt, in der zukünftig Europas größte Messe für Video- und Computerspiele stattfinden wird.

Von einem Umzug der GC kann man dabei kaum reden. Die Games Convention ist ein Kind der Leipziger Messe, in Leipzig entstanden zu einer Zeit, als kein anderer Messestandort in Deutschland Interesse an einer solchen Veranstaltung hatte. Sie hat sich prächtig entwickelt und ist mit zuletzt 185.000 Gästen auf Augenhöhe mit dem aktuellen Platzhirschen in Köln: der Motorradmesse INTERMOT mit rund 187.000 Besuchern, die übrigens auch keine Eigenentwicklung, sondern aus München abgeworben worden ist. Der Erfolg der GC weckte schon vor Jahren Begehrlichkeiten an anderen deutschen Messestandorten. Und nun haben sich die im Branchenverband BIU organisierten größeren Aussteller entschieden, statt der Games Convention ab 2009 die neu zu gründende Spielemesse der Kölner zu besuchen, vorrangig wegen des größeren Einzugsgebietes.

Das Problem ist, wie man den Erfolg der Games Convention nach Köln transferiert, ohne mit dem Namen und dem Konzept umzuziehen, die beide den Leipzigern gehören. Bisher löst man es, indem man vollmundig von »Umzug« redet – was funktioniert – und indem man der neuen Messe einen Namen verpasst, der sich möglichst ebenso mit »GC« abkürzen lässt. Letzteres funktioniert eher nicht so prima. Zuerst meldete die Leipziger Volkszeitung, die Kölner Videospielemesse würde »games.dot.com« heißen, was in diversen Foren schnell zu »games dot dot dot com« und »games.dotcomtod« verballhornt wurde. Dann schien die FAZ zu wissen, die Messe solle auf den Namen »Games Con« getauft werden. Das war zwar schon näher an der Wahrheit, enthielt allerdings einen hübschen Freudschen Verschreiber: »con game« bezeichnet immerhin eine ziemlich miese Art von Betrügerei.

Tatsächlich hört die neue Messe auf den Namen »GAMESCom«. Dass sich das mit »GC« abkürzen lässt, ist auch schon das Positivste, was man darüber sagen kann. Wofür soll das »Com« stehen? »Comeback«?

Hoffen wir, dass die kommende Kölner Spielemesse nicht nur die billige Games-Convention-Kopie wird, die der Name vermuten lässt. Auch wenn das schwer fällt bei all dem, was der Geschäftsführer der Koelnmesse aktuell absondert:

«Wir sehen die Entscheidung für Köln nicht als eine Entscheidung gegen Leipzig, sondern für Deutschland», sagte Kuhrt. «Wenn die Games Convention nicht aus Leipzig wegginge, wäre die Gefahr ganz groß, dass eine andere internationale Metropole das Thema aufgreifen und eine eigene Messe organisieren würde.» Deshalb sei es nötig gewesen, einen neuen Standort zu suchen. (DerWesten)

Hat er mit der Aussage noch Recht, dass unabhängig vom konkreten Veranstaltungsort vor allem wichtig ist, dass Europas größte Video- und Computerspielemesse in Deutschland bleibt, so ist der Schluss, dass ein Verbleiben der Messe in Leipzig langfristig deren Erfolg gefährden würde, doch absoluter Blödsinn. Welche andere »internationale Metropole« sollte denn das sein? Etwa eine noch internationalere Metropole als London, gegen deren etablierte ECTS die Games Convention in ihren Anfangsjahren recht erfolgreich antrat? Eine noch internationalere als Los Angeles, deren E3 letztendlich an ihrer Übergröße zugrunde ging?

Es ist nicht so, als hätte die Games Convention in den nächsten Jahren große Konkurrenz zu erwarten. Die wirklich großen Konkurrenten hat die Leipziger Messe bereits überlebt.

Bei aller Symphatie für Leipzig sei aber auch nicht verschwiegen, dass es einige gewichtige Gründe für Köln gibt. Auch wenn Leipzig per Auto, Bahn und Flugzeug gut zu erreichen ist, die hohe Bevölkerungsdichte im Ruhrgebiet eröffnet ein ganz anderes Wachstumspotential für die Messe, die plötzlich für deutlich mehr Spieler weniger als eine Stunde Bahnfahrt entfernt stattfinden wird. Die Messehallen sind ein weiterer Punkt: In Köln ist deutlich mehr Ausstellungsfläche vorhanden. Zustände wie an den bisherigen GC-Wochenenden sind dort vorerst nicht zu erwarten. Zwar hat man sich in Leipzig um eine Verbesserung der Situation bemüht, aber letzten Endes zu wenig getan, und das Wenige kam viel zu spät.

Eine Messe lebt auf Dauer schließlich auch von den Besuchern, denen es so gut gefällt, dass sie in den kommenden Jahren wieder kommen. Würde ich die Games Convention nur von den Messewochenenden der letzten beiden Jahre kennen, ich würde mir das Gedränge nicht noch ein weiteres Mal antun wollen. Und das, obwohl die GC ihre selbstgesteckten Ziele im letzten Jahr verfehlt hat: Mit 185.000 Besuchern kamen nur zweitausend Gäste mehr als im Vorjahr, von der angestrebten 200.000er-Marke war man noch ein gutes Stück entfernt. Die Fragen, ob eine GC in Leipzig nicht auf diesem hohen Niveau stagnieren würde und ob Besucherzahlen über Zweihunderttausend in Leipzig überhaupt mit vertretbarem Aufwand zu schultern wären, werden für den BIU bei seiner Entscheidung sicher eine wichtige Rolle gespielt haben.

Die Frage für uns Besucher ist, ob man sich lieber mit einhundertachzigtausend oder mit zweihundertfünfzigtausend anderen Spielern um die begehrten Plätze an den Konsolen und PCs drängelt. Denn mehr Ausstellungsfläche bedeutet nicht automatisch, dass die Stände vergrößert werden und mehr Bildschirme und Spielgerät aufgestellt werden. Wahrscheinlicher ist da schon, dass die Chance, das heiß erwartete Hypespiel selbst anspielen zu können, von »klein« auf «nicht vorhanden« sinkt. Ebenso wie meine Motivation, bei solchen Aussichten von 2009 an für die GC nach Köln zu kutschen.

Was aus der GC Developers Conference und der GC Asia wird, scheint momentan noch offen zu sein, ebenso wie die Frage, ob und in welcher Form die Leipziger Messe die Games Convention vielleicht auch ohne BIU weiter betreibt. Auf eine allzu nachtragende Haltung hoffe ich freilich nicht. Egal, ob man persönlich Leipzig- oder Köln-Verfechter ist: Zwei halbgare Spielemessen zur gleichen Zeit kann niemand ernsthaft wollen.

cmi meint:
Bei heise hat es jemand gut zusammengefasst:

Nokia kann von der Messe Köln nur lernen.. Mit nett formulierten Worthülsen kann man zumindest versuchen die Wogen zu glätten. D.h. "Die Entscheidung für Rumänien war keine Entscheidung gegen Deutschland, sondern für Europa".

;)

Hoffentlich ersticken die Kölner und der BUI an "ihrer" Messe, elendes Geklüngel.
· 25. Februar 08 · 16:32
laZee meint:
Schadeschade. Ist schon ein Unterschied, ob ich von Berlin aus mal eben mit zwei Leuten im Auto schnell nach Leipzig düse, oder ob sich jeder von uns (mit Glück) ein 50-EUR-Ticket für nen Flug nach Köln holt... schade :(
· 25. Februar 08 · 17:02
|Kirby| meint:
Schön finde ich daran, dass ich Köln im Gegensatz zu Leipzig ohne weiteres erreichen kann. Ansonsten kann ich wenig dazu sagen, da ich nie auf der GC in Leipzig war, war halt zu weit weg. Möglicherweise fahr' ich sogar hin, und sei's nur um mal eine PC-Spielemesse selbst erlebt zu haben...
· 25. Februar 08 · 17:16
chris [d-frag.de] meint:
@cmi: Was sich da gerade bei heise tut, ist generell sehr lustig.

Die Pressemitteilung des BIU schafft es übrigens, in fünf langen Absätzen nicht einmal den Namen "Games Convention" auftauchen zu lassen. Respekt, da hat sicher jemand lange dran geknobelt.

Begründung wie erwartet: Die Branchenmesse in Leipzig wurde 2002 als regionale Veranstaltung gemeinsam von Industrie und Leipziger Messe etabliert, war aber nach einhelliger Auffassung der BIU Mitglieder bereits im vergangenen Jahr in Leipzig an ihre Wachstumsgrenze gestoßen. Die Besucherzahlen erreichten 2007 nicht die angepeilten 200.000, sondern stagnierten mit einem Plus von lediglich 1 % bei 185.000. Die Hotelkapazitäten wurden in Leipzig und Umgebung vollständig ausgeschöpft. Als weiteres Manko wurde die unterdurchschnittliche Anbindung Leipzigs an das internationale Flugverkehrsnetz ausgemacht.

Bei eurogamer.de gerade noch entdeckt: Den Namen "GAMESCom" hat man übrigens nicht gewählt, weil er sich identisch zur Games Convention abkürzen lässt. Stattdessen ist die Kölner Messe bereits seit einigen Jahren im Besitz der Rechte daran. Wie unsere Recherche ergab, meldete man diese Marke im Jahr 2003 an, der Eintrag ins Register erfolgte 2004.

Na und? Da gab es die Games Convention schon. Und Köln bemüht sich auch nicht erst seit gestern darum, die GC zu bekommen. Die können den Namen auch 2004 schon geholt haben, weil er sich identisch abkürzen lässt...
· 25. Februar 08 · 17:40
Marcel meint:
"Die Branchenmesse in Leipzig wurde 2002 als regionale Veranstaltung gemeinsam von Industrie und Leipziger Messe etabliert, war aber nach einhelliger Auffassung der BIU Mitglieder bereits im vergangenen Jahr in Leipzig an ihre Wachstumsgrenze gestoßen. Die Besucherzahlen erreichten 2007 nicht die angepeilten 200.000, sondern stagnierten mit einem Plus von lediglich 1 % bei 185.000. Die Hotelkapazitäten wurden in Leipzig und Umgebung vollständig ausgeschöpft. Als weiteres Manko wurde die unterdurchschnittliche Anbindung Leipzigs an das internationale Flugverkehrsnetz ausgemacht."

witzig an der begründung bezüglich der besucherzahlen ist, dass von 2006 auf 2007 die zahl der fachbesucher um 47% angestiegen ist, laut BIU seite. Der Umzug nach Köln soll aber erst für mehr fachbesucher sorgen, als ob es in Lipzig vorher keine gegeben hätte.

Alles sehr komisch was die da vom BIU und von der Messe Köln von sich geben. Am Ende ist zu befürchten, dass es nach 2009 keine der beiden Messen mehr geben wird.
· 25. Februar 08 · 19:21
suicide meint:
Mich verwirrt bei der ganzen Sache, dass man am Standort Leipzig ja doch irgendwie festhält. Wer will denn bitte nach Leipzig und Köln. Sowohl Besucher als auch Aussteller?
· 25. Februar 08 · 22:38
chris [d-frag.de] meint:
Die Messe Leipzig hält am Standort Leipzig fest. Sie ist Veranstalter der GC, ihr gehören Name und Konzept.

Der BIU ist "ideeller Partner" der Messe und repräsentiert die zwölf wichtigsten Aussteller: Activision, Atari, Eidos, EA, Koch Media, Konami, Microsoft, Nintendo, Sony, T2, THQ und Ubisoft. Und wenn diese zwölf Größen sagen, sie wollen nicht mehr nach Leipzig, sie wollen lieber nach Köln, was sollen die vielen kleineren Aussteller dann machen? Trotzdem weiter nach Leipzig fahren?

Hundertprozentig einig sind sich die BIU-Mitglieder übrigens nicht: Die BIU-Mitglieder haben sich einstimmig für eine Europäisierung der Messe ausgesprochen, die Entscheidung für den Standortwechsel sei mehrheitlich gewesen, so Wolters.

Zumindest letzteres war also nicht einstimmig. Gerüchten Zufolge soll sich vor allem die in Köln sitzende deutsche Niederlassung von Electronic Arts für den Wechsel stark gemacht haben. Der BIU-Chef erwartet nicht, dass BIU-Mitglieder ausscheren und sich für eine Fortsetzung in Leipzig einsetzen werden. (beides Golem)

Das Problem ist, dass der BIU definitiv nicht mächtig genug ist, die Diskussion komplett und ein für alle Mal zu beenden, denn er repräsentiert ja nur die zwölf wichtigsten Aussteller (von insg. über 400). Er veranstaltet die Messen nicht selbst, weder die alte noch die neue GC.

Beim Publikum ist die Sache noch weniger eindeutig. Leipzig- und Köln-Befürworter halten sich bei Besuchern aus dem Inland wohl so etwa die Waage, so zumindest mein Eindruck. Für Fachbesucher aus dem Ausland ist Köln günstiger, weil viel leichter zu erreichen.
· 26. Februar 08 · 00:10
Kreon meint:
Jetzt prügelt mal nicht alle auf Köln rum. Wie die neue Messe wird muss sich jetzt erstmal zeigen. Ein Jahr haben sie noch sich zu einigen und bis dahin werden sie sich geeinigt haben und der Standort Leipzig wohl ausgedient. Für mich is es natürlich wesendlich günstiger zur neuen Messe zu fahren als nach Leipzig, andererseits ist die Frage wie die neue Messe aussehen soll. Nachdem allerdings die GC es geschafft hatte, das kulturelle Highlight zu köpfen, muss ich sagen: Geschieht ihr recht für so ne Schandtat.
· 26. Februar 08 · 04:06
chris [d-frag.de] meint:
Was das kulturelle Highlight angeht, wird es sowieso sehr spannend: Wie wird das Hülsbeck-Konzert in Köln, wie wird die VGL-Veranstaltung in Leipzig laufen? Und wie wird die Eröffnungsveranstaltung in Köln dann aussehen? Denn denkbar ist für Köln ja bisher... alles.
· 26. Februar 08 · 09:21
toxicTom meint:
Laut Wikipedia ist eine Convention "(von lat. convenire „zusammenkommen“, meist auch nur Con genannt) ist eine Veranstaltung, auf der sich Menschen mit gleichartigen Interessen (zum Beispiel Jongleure, Animefans, Rollenspieler, Fantasyfreunde und -Spieler, …) treffen, um andere Gleichgesinnte kennen zu lernen, sich mit ihnen über ihr Hobby auszutauschen und teilweise diesem auch nachzugehen."

(GAMES)Com hingegen kommt von Commercial und da sieht man doch, wo der Hase langläuft. Anstatt einen Treffpunkt von Spielern und Machern, Fans und Herstellern schafft man eine Veranstaltung zur Anfütterung und Lenkung von Konsumvieh.

Ich will jetzt nicht die Leipziger GC schönreden, aber schon der Name zeigt ja irgendwie, daß zumindest ein Grundtenor der Messe, wie er im Anfang in Leipzig noch vorhanden war, anscheinend keine Rolle mehr spielt - eine Messe FÜR die Spieler zu machen. In Köln wird es eine Messe für die (großen) Hersteller, noch mehr Werbeveranstaltung und Selbstbeweihräucherung der Branche als schon die letzten Jahre in L.E., das zeigt schon die Forderung nach mehr Luxushotels. Für die Spieler, die von weiter weg anreisen müssen, wird Köln ein teurerer Spaß werden als bisher.

Irgenwann wird man dann wohl EA Games Com draus machen...

Aber die Leipziger Messe hat sich diese Schlappe auch selbst zuzuschreiben. Immer mehr Spektakel (VGL statt VGMC, Arena statt Gewandhaus), immer größer, lauter, bunter, obwohl viele Besucher mit jedem Jahr genervter wurden. Und bei größer, lauter, bunter wird die deutsche Karnevalshauptstadt das biedere Leipzig locker übertrumpfen.

Mal sehen, was die Besucher dazu sagen.
· 26. Februar 08 · 11:59
chris [d-frag.de] meint:
Angeblich kommt das Com in GAMESCom ja von "Community". So hat man das jedenfalls gestern im Laufe des Tages, nach Veröffentlichung meines Beitrags hier, noch dargestellt.

Der Grundtenor der GAMESCom wird ja auch schon klar, wenn man sich den Zeitrahmen ansieht. Extra in den September hinein verschoben, damit die Messe für südeuropäische Fachbesucher(!) nicht mehr(!) in den Urlaub fällt. Dass die Messe damit für den überwiegenden Teil der deutschen Bundesländer auch nicht mehr in die Ferien fällt und den vorwiegend jungen Gamern damit bloß noch das Wochenende zum GC-Besuch bleibt, war bei der Planung offenbar nicht so wichtig.
· 26. Februar 08 · 12:58
Stefan meint:
Das ist die Strafe für Video Games Live!
Hallo, Herr Böcker? Sorgen Sie bitte dafür, dass in Köln wieder traditionell in die Pauken geschlagen wird.
· 27. Februar 08 · 08:56
Kreon meint:
Das ist bestimmt die Hülsbeck-Rache!

"Was? keine C64 Musik auf VGL? Verrat! Dann bring ich eben die BIU dazu nach Köln zu kommen, wo ich mein Konzert abhalte. HAHAHAHAHAHA!!!" *hust*
· 28. Februar 08 · 12:29

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