Größe ist alles?

von chris · 3. Januar 08 ·

GC in ConcertDas Eröffnungskonzert der Games Convention ist tot. Das Spielemusikkonzert im Gewandhaus zu Leipzig war 2003 das erste seiner Art außerhalb Japans und setzte auch in den Folgejahren neue Maßstäbe. Zuletzt im August 2007, mit vielen hervorragenden Arrangements, von Castlevania, Metal Gear Solid und Final Fantasy über Super Mario, StarCraft und Turrican bis hin zu Day of the Tentacle und Shenmue. Zahlreiche bekannte Komponisten waren anwesend, Stars wie Takenobu Mitsuyoshi und Michiru Yamane trugen die von ihnen komponierte Musik selbst vor, Chor und Orchester lieferten sehr gute Leistungen ab, kurz: es war ein rundum gelungener Abend.

Ob jemand von der Messeleitung beim Konzert anwesend war, nachdem es bereits 2007 nicht mehr als offizielle Eröffnungsveranstaltung der Games Convention diente, weiß ich nicht. Vermutlich war man aber im Januar letzten Jahres in der Arena Leipzig, als das Gewandhausorchester und der Chor der Leipziger Oper mit Howard Shores Soundtrack zu Der Herr der Ringe an zwei Abenden insgesamt über 13.000 Besucher in die Mehrzweckhalle lockten. Kein Vergleich zu den knapp zweitausend Personen, die in den Großen Saal des Gewandhauses passen. Und die medialen Effekte erst: Genial, wie die auf Großleinwand projizierten Konzeptzeichnungen von Alan Lee und John Howe die vielen Längen der zweieinhalbstündigen Soundtrack-Fassung kaschierten!

Im Anschluss daran wird man sich vielleicht gedacht haben: „Genau das wollen für die GC auch!“ Deshalb findet deren Eröffnungskonzert nun nicht mehr im Gewandhaus statt, sondern in der Arena Leipzig, produziert nicht mehr von Thomas Böcker, sondern vom amerikanischen Veranstalter Video Games Live. Dass die Musikshow von Tommy Tallarico und Jack Wall nun endlich ihren Weg nach Deutschland findet, ist dabei im Grunde begrüßenswert. Nur dass sie als neue Eröffnungsveranstaltung die angestammten Spielemusikkonzerte im Gewandhaus komplett ersetzt, ist ein zu hoher Preis.

Mal angenommen, man würde Spielemusikkonzerte vor allem der Musik wegen besuchen: Dafür böte der Große Saal des Gewandhauses mit seiner auf sinfonische Musik zugeschnittenen Akustik beste Bedingungen. Die Arena hingegen ist für Sportveranstaltungen und Popkonzerte sicherlich hervorragend geeignet, bei den Herr der Ringe-Konzerten hätten wir Orchestermusiker auf der Bühne ohne Monitorlautsprecher aber nicht einmal uns selbst gehört. Vom tatsächlichen Klang von Chor und Orchester bekommen vielleicht noch Hörer in den ersten zehn Reihen etwas mit, der weite Raum dahinter ist Herrschaftsgebiet der Tonregie.

Der optische Gesamteindruck sieht ähnlich aus: Während man im Gewandhaus selbst von den hinteren Reihen aus erkennen kann, wie Posaunisten und Trompeter die Instrumente an die Lippen setzen und das berühmte Super-Mario-Thema anstimmen, ist man dazu in der Arena schlicht zu weit weg vom Geschehen. Bewegte Spielszenen auf Großleinwand geben sich ebenso wie Lasershow und Kunstnebel größte Mühe, weiter zu verschleiern, wie die Musik eigentlich erzeugt wird. Wenn sich dann in Metal Gear Solid auch noch ein als Solid Snake verkleideter Schauspieler von der Decke abseilt und, das Plastikgewehr im Anschlag, im Scheinwerferlicht am Bühnenrand entlang schleicht, dann hat das zwar großen Schauwert, sorgt aber auch dafür, dass die Musik letztendlich nicht mehr im Zentrum der Veranstaltung steht, sondern kleines Rädchen im gewaltigen Getriebe einer Großveranstaltung wird.

Anhören werde ich mir das trotzdem, obwohl ich Tallarico und Wall nicht zutraue, an die hervorragenden Konzerte der letzten Jahre heranreichen zu können, obwohl uns mehr Showeffekt und Glitter und weniger Musik erwartet und obwohl die im letzten Jahr schon überteuerten Kartenpreise noch einmal deutlich erhöht wurden – auf bis zu fünfzig Euro pro Ticket. Schon aus rein beruflichem Interesse muss ich da hin. Wehmütig denke ich aber schon heute an die Zeiten zurück, als man in Leipzig Spielemusik noch zutraute, einen Abend lang auch losgelöst von ihren Spielen, auf sich allein gestellt überzeugen zu können. Und als man seinem Publikum noch zutraute, diese Musik um ihrer selbst willen wertschätzen zu können.

chris [d-frag.de] meint:
(Wie bereits gestern auf gamestar.de. An der Situation um d-frag.de ändert sich durch diesen Artikel übrigens nichts, deshalb bitte ich darum, in den Kommentaren beim Thema des Artikels zu bleiben.)

Ergänzend: Die offizielle Seite von "GC in Concert" macht noch Werbung für das Konzert von 2007. In ihren letzten Pressemeldungen berichtete die Messe von Hallenumbauten und Tourismuspreisen, aber nicht von den Änderungen hinsichtlich der Konzerte. Das Interesse an Spielemusik scheint bei der Leipziger Messe also generell nicht überwältigend hoch zu sein. Umso mehr freut man sich bei Video Games Live: "It can't get much better than this!"
· 3. Januar 08 · 22:29
Marcel meint:
das ist mehr als traurig. zumal mit dem gewandhaus auch ein stück leipziger kultur teil der games convention wurde. ich will mir gar nicht vorstellen, wie bescheiden sich klassische musik in der arena anhört.
· 4. Januar 08 · 00:55
cmi meint:
ein solid snake, der sich von der decke abseilt und mit plastikgewehr im anschlag im kunstnebel auf der bühne umherschleicht, ist für mich der grund diese veranstaltung nicht zu besuchen. :) aber ich gehöre wohl auch nicht zur zielgruppe.
· 4. Januar 08 · 09:33
chris [d-frag.de] meint:
Was dort konkret gespielt wird, steht übrigens noch nicht fest. Das Solid-Snake-Beispiel ist aus dem Promovideo. Kann sich bei VGL jeder selbst anschauen, ob ihm das gefällt...
· 4. Januar 08 · 09:34
Ben meint:
Hmmm, und ich wollte dieses Jahr eigentlich mal wieder hingehen, vor allem weil man ja nun endlich die Eröffnungsreden vom Konzert entkoppelt hat.
Video Games Live mag ja ganz lustig sein, aber es versucht mit klassischer Musik ein Rockkonzert zu machen, ein Konzept mit dem ich zum einen sehr wenig anfangen kann und das vor allem keinen Ersatz zum klassischen Konzert darstellt.
Schade dass Hülsbecks Konzert in Köln schon ausverkauft ist.
· 4. Januar 08 · 11:17
Thomas meint:
Für den Artikel habe ich mich persönlich schon bedankt bei Christoph, deswegen nur kurz der Kommentar: Tickets für das Chris Hülsbeck-Konzert sollte es hoffentlich bald wieder geben, ich denke nächste Woche.

Der Ansturm war groß, was mich sehr freut. Denn es zeigt, dass unser "klassisches Konzept" nicht tot ist. Es lebt nur woanders weiter.
· 4. Januar 08 · 11:43
Knurrunkulus meint:
Ich habe nun leider nie eines der Eröffnungskonzerte gesehen, kann mich aber schon ganz gut hineindenken in jene Leute, die die Atmosphäre im Gewandhaus einem ja nahezu bombastartigen Spektakel jederzeit vorziehen würden.

Vielleicht war das einfach, wie so oft, zu wenig "Mainstream".
· 4. Januar 08 · 11:54
Sebastian meint:
Ich bin wirklich enttäuscht, dass es das „klassische“ GC Konzert nicht mehr gibt, denn es waren die besten Konzerte auf denen ich jemals war. (Mithalten konnte bisher nur „Distant Worlds“ in Stockholm.) Ich persönlich verstehe nicht, wieso man in die Arena ziehen will, denn das Gewandhaus hat immer sehr zur einmaligen Atmosphäre beigetragen. Ich kann dem Artikel nur zustimmen und sagen, dass das ein wirklich großer Verlust ist. Bleibt nur zu hoffen, dass Thomas Böcker und sein Team auch in Zukunft Spielemusikkonzerte in Europa organisieren. Das Chris Hülsbeck Konzert in Köln lässt darauf hoffen.
Zum Abschluss möchte ich mich noch bei Thomas Böcker, Andy Brick, und allen anderen, die an den Konzerten mitgewirkt haben, ganz herzlich für diese unvergesslichen Konzerte bedanken.
· 4. Januar 08 · 12:34
Micha meint:
Hrmpf ... scheiss Messe-Leitung ... vermutlich wollen sie damit Berlin zeigen, das die GC in Leipzig auch noch bombastischer geht, damit sie 2009 überhaupt noch dort stattfinden kann ... mal wieder Quantität über Qualität.
· 4. Januar 08 · 13:05
Kreon meint:
Kann man nicht einfach nächstes Jahr das Leipziger Gewandhaus zum altbekannten Termin nehmen, halt nicht mehr offiziell mit der GC verbunden? Ok, vermutlich ist die Angst auf den Karten hocken zu bleiben in Konkurrenz zur VGL zu groß und Finanzierungsmittel fehlen vermutlich. *seufz*

Also da ich immer mit meinem Vater auf die GC gegangen bin und vorher das Konzert genossen habe ist es schon sehr traurig. Vielleicht werd ich dieses Jahr dadurch garnicht auf die GC gehen können da mir das Überzeugungsargument dieses Jahr fehlen wird das mein Vater die Reise bezahlt (der fahr und übernachtungspreis ist für mich als Student einfach nicht finanzierbar). Das VGL würde ich zwar schon gerne mal sehen aber ich kann mir nicht helfen, ich will kein Orchester live mit nem Feldstecher beobachten müssen wärend mir Orchestermusik aus Boxen tönt, da kann ich daheim auch meine Musik-Sammlung anwerfen und mir Gametrailers anschauen. Mal abgesehen davon das beim VGL popkonzertübliches Geschrei stattfindet...
Zudem werden dort eh nur die großen, altbekannten Stücke gespielt, die sowieso schon 1000 mal orchestriert gespielt wurden.
· 4. Januar 08 · 13:20
Robert meint:
Sehr sehr schade das Ganze.

Ich habe soviel verbunden mit dem Eröffnungskonzert wie es war.
Nachdem ich mit Matthias gesprochen habe, hab ich mir nochmals die Promovideos angeschaut und bin immer und immer wieder zu dem Entschluss gekommen, dass es einfach nur eine massentaugliche Show ist, die nur auf visuelle Effekte zielt und nichts dahinter ist. Ebenso die Playbackeinlagen und alleine schon diese sehr "interessante" Bühnenshow sind einfach nur lächerlich. Eine Lasershow mag ja noch gehen, aber wenn dann so ein Auto durch die Gegend fährt, nunja. Ich habe es Freunden von mir gezeigt und diese meinten es ähnlich. Da würden sie lieber nach Köln fahren, denn 200+ EUR für Fahrt, Karte und Übernachtung ist da einfach nichts mehr wert.
Ebenso die tollen Preise für die Arena. Im Gewandhaus hat man wie schon oben erwähnt, so gut wie alles gesehen. Was dort nicht der Fall sein wird und dafür zahlt man dann 29,70 EUR.

Ebenso find ich es auch sehr merkwürdig, wieso VGL soviele Sponsoren hat und dann es nicht schafft ordentliche Logos von den Publishern zu bekommen (Eidos, SQEX etc.). Wirklich sehr professionell....

Ich bin gegen VGL, alleine schon weil mir das Gewandhaus soviel Freude bereitet hat und das Team ihre Arbeit perfekt machte.

Danke nochmal an Thomas, Andy, Petr und allen Organisatoren.
· 4. Januar 08 · 14:14
2shy meint:
Ich empfinde es als Verlust kulturellen Anspruchs für die GC. Beide Veranstaltungsarten haben generell ihre Daseinsberechtigung, aber das eine kann das andere keinesfalls ersetzen. Würde beides parallel gezeigt werden würde ich mir vermutlich gern beides ansehen, aber hätte ich die Wahl, so würde ich das klassische Konzert - ohne Rumgehoppel in Kostümen und Leinwandprojektionen - jederzeit vorziehen.
· 4. Januar 08 · 15:45
jorl meint:
Ich habe es letztes Jahr zum ersten Mal geschafft überhaupt Karten zu bekommen und nun soll das auch gleich mein letztes Mal gewesen sein? Schade. Schade. und Schweinerei!
· 7. Januar 08 · 15:09
Christian meint:
Naja, wer dem Eröffnungskonzert hinterhertrauert, dem bleibt zumindest in diesem Jahr wenigstens Hülsbecks Symphonic Shades-Konzert im August. Aber was soll bloß im nächsten Jahr werden?
· 7. Januar 08 · 20:51
Jeannine meint:
Echt schade, hätte es auch gern einmal miterlebt. Jetzt kann ich meine Träume in den Wind pusten. Schade.
Jeannine
· 8. Januar 08 · 09:54
Francois meint:
Auch wenn ich es verpasst habe, im August folgt ein neuer Versuch!
· 28. Januar 08 · 11:43

Kommentare sind für diesen Beitrag geschlossen.

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