Briefe an Doktor Richter

von chris · 3. Dezember 07 ·

Frontal21»Sie haben Post!« Gestern zu später Stunde sandte mir ein Leser unseres gestrigen Beitrags die Kopie eines Briefes, den er als Reaktion auf Dr. Richters Stellungnahme an die Frontal21-Redaktion geschickt hat. Ich hätte sowas längst aufgegeben. Die betreffende Sendung ist drei Jahre alt und es haben etliche Rückmeldungen die Frontal21-Redaktion erreicht, ohne irgendeinen Effekt zu erzielen. Wie überhaupt einen weiteren Brief formulieren, um eine Chance zu haben, zu erreichen, was den bisherigen Unmutsbekundungen samt und sonders nicht gelungen ist: öffentlich-rechtliche Betonköpfe zum Denken zu bewegen? Trotzdem hat mir der Brief gestern vor Augen geführt, dass ich mit einem einfachen Artikel auf d-frag genauso nichts gekonnt habe. Dass man trotz allem nicht ermüden darf und fortwährende Missstände weiter aufzeigen muss. Mit ein bisschen Glück ist unser gemeinsames Hobby dann vielleicht schon in fünfzehn statt zwanzig Jahren gesellschaftlich so weit anerkannt, dass man vernünftig und sachlich darüber reden kann, was im Jugendschutz sinnvoll ist und was nicht.

Es folgt der Brief an Frontal21.

Guten Tag Herr Dr. Richter,
sehr geehrte Damen und Herren der Frontal21-Redaktion,

zunächst möchte ich ein Lob aussprechen: Ich finde es sehr gut, dass die Redaktion auf ein Youtube-Video eingeht – trotz des digitalen Zeitalters alles andere als selbstverständlich.

Leider erschöpft sich hier meine Möglichkeit zu loben und ich möchte Ihnen meine Enttäuschung vermitteln. Bisher habe ich Magazine wie Frontal21 als sehr nützlich zur Bildung meiner Meinung empfunden. Als informierter Bürger möchte ich zur Meinungsbildung verlässliche, gut recherchierte Informationen. Diese erwarte ich insbesondere bei traditionellen Tages-/Wochenzeitungen und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Ich finde, dass gerade hier der Mehrwert gegenüber den aktuelleren Informationen aus dem Internet liegt; Journalisten mit seriöser Ausbildung haben die Möglichkeit durch diesen Zeitversatz Recherche zu betreiben und fundiertere Informationen anzubieten.

Jetzt muss ich leider sehr enttäuscht feststellen, dass diese Ansicht – zumindest was Magazine wie Frontal21 angeht – nicht ohne weiteres gerechtfertigt ist. Im Sektor Computerspiele kenne ich mich aus und muss feststellen, dass die Berichterstattung in ihrem Magazin hier sensationsheischend und handwerklich fehlerhaft ist, und schlicht auf Redakteure hinweist, die sich mit der Materie nicht ausreichend beschäftigt haben. Ob die Fehler nun vielleicht sogar bewußt in Kauf genommen wurden, um mit populistischer Stimmungsmache mehr Quote zu machen, als es mit einem objektiven, alle Seiten beleuchtenden Hintergrundbericht möglich gewesen wäre, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber selbst die Möglichkeit, dass genau dieses getan wird, hinterläßt zumindest ein beunruhigendes Gefühl.

Zudem führt es dazu, dass ich mich frage, ob diese Art auch bei Berichten über andere Bereiche Usus ist, in denen ich mich selbst nicht so gut auskenne und verkürzte oder sachlich falsche Darstellungen nicht so leicht erkennen kann. Wie am Anfang des YouTube-Videos zitiert: Die öffentlich-rechtlichen Programmgrundsätze verpflichten zu "wahrheitsgetreuer und sachlicher Berichterstattung".

Schade ist das insbesondere, weil Sie in einigen Dingen unbestritten Recht haben, z.B. dass diese Spiele nicht in die Hände von Kindern gehören. Leider machen sie sich dieses Anliegen durch ihre an der Problematik vorbeigehenden Behauptungen völlig zunichte. Wer z.B. behauptet, dass es in Hitman darum gehe, Behinderte (oder behindertenähnliche Darstellungen, in meinen Augen eine bewußt unscharfe Formulierung von Ihnen) zu töten, hat das Spiel schlichtweg nicht oder nur oberflächlich betrachtet.

Mein Vertrauen in diese Programmgrundsätze ist erschüttert und muss erst wieder neu gewonnen werden. Das mag Sie bei einem einzelnen Zuschauer nicht weiter stören, aber ich halte es dennoch für wichtig, dies an Sie zu kommunizieren. Denn ansonsten wird es nur darauf hinauslaufen, dass Menschen wie ich sich auch von ARD und ZDF abwenden, so wie ich dies bereits von den Privaten getan habe.

Daher meine Aufforderung: Bitte berichten Sie in Zukunft sachlich, ruhig und zutreffend über gewalthaltige Computerspiele. Ein Anfang wäre z.B. schon einmal, nicht Termini zu verwenden, die man eher in Boulevardmedien vermuten würde, wie z.B. "Killerspiele".

Mit freundlichen Grüßen

C. Hombach

MakeAMillYen meint:
>>Zudem führt es dazu, dass ich mich frage, ob diese Art auch bei Berichten über andere Bereiche Usus ist, in denen ich mich selbst nicht so gut auskenne und verkürzte oder sachlich falsche Darstellungen nicht so leicht erkennen kann.
· 3. Dezember 07 · 16:18
meint:
Natürlich findet sich dieser reißerische Stil in allen Aufdeckungsmedien der Öffendlich-Rechtlichen. Bei Monitor beispielsweise wurde mir schon wärend meiner Schulzeit bewusst wie reißerisch und provozierend die Beiträge sind. Als Frontal zu Frontal 21 wurde merkte man sofort eine reißerische Tendenz richtung Monitor oder Report München. Allein der Ton dieser Magazine ist schon für mich total abstoßend.
· 3. Dezember 07 · 22:43
chris [d-frag.de] meint:
Öhm, gehören die beiden Kommentare zusammen? Der erste scheint ja von der Kommentarfunktion zerschossen...
· 3. Dezember 07 · 22:50
Kreon meint:
Öh, hab mich schon gewundert wo mein Kommentar geblieben ist
· 3. Dezember 07 · 22:58
Draugr meint:
Nunja, es geht ja auch darum diesen Leuten Kritik so rüberzubringen so dass sie sie ernst nehmen.

Wenn bei denen "ey alder, des is voll scheise was ihr da macht" ankommt fühlen die sich nur bestätigt. Je mehr Leute seriös und mit einem gewissen Mindestniveau sich dort melden desto ernster nehmen sie es. Immerhin sahen sie sich gezwungen auf das youtube video zu reagieren. MMn ein echter Erfolg. :)
· 3. Dezember 07 · 23:13
fehlerteufel meint:
aaahja, wenn man 2x "
· 3. Dezember 07 · 23:23
chris [d-frag.de] meint:
Ja, das Zeichen, das man zum Einleiten toller HTML-Tags braucht, sollte man nicht zur Anführungszeichensetzung verwenden. :)

Darf ich den Fehlerteufel jetzt wieder löschen?

@Draugr: Ja. Dass sie darauf überhaupt geantwortet haben, ist schon was.
· 3. Dezember 07 · 23:24
CountZero meint:
Nun ja, das Antworten an sich mag ja nett sein, aber solange sich selbige auf Formbriefe und inhaltslose Polemik beschränken ist damit auch nicht viel geholfen.
Ich habe es, wie die meisten nehme ich an, schon länger aufgegeben mich über diesen Boulevardjournalismus aufzuregen. Da belasse ich es inzwischen lieber bei einem Kopfschütteln und denke wieder an was angenehmeres.
Trotzdem finde ich es gut, dass es nach wie vor Leute gibt die nicht aufgeben. Diese Hartnäckigkeit einiger Leute sich mit dem Thema auseinanderzusetzen zeigt immerhin, dass wir ach-so-böse Randgruppe wenigstens zwischen unseren Amokläufen zu einer intelligenten und halbwegs objektiven Diskussion fähig sind.
· 4. Dezember 07 · 00:07
Micha meint:
Hehe, ich bin auch nicht der Typ, der sich bei sowas an die Frontal-Redaktion wendet. Weil ich nicht daran glaube, dass dies die Stelle ist, an der sich etwas ändern kann. Ich kann nur warten bis die Entscheider in diesen Medien ein Alter erreicht haben, in dem sie nicht mehr entscheiden dürfen.

Mein Aktivismus greift in meinem Freundeskreis, bei Freunden und Verwandten, die nicht spielen, aber dennoch diese Berichte gesehen haben. Und auf Blogs wie d-frag. Insofern finde ich auch deinen Beitrag nicht völlig sinnlos, Chris.

Er ist für sich genommen nicht die wirksamste Methode, da wir hier im geschlossenen Bereich der Nerds reden. Aber gleichzeitig schärfen wir hier unsere Wahrnehmung, entwickeln Argumente und geben uns gegenseitig neue Denkansätze - mit denen wir dann wieder hinaus gehen können in die Welt, um dort mit klügeren Worten als vielleicht vor einer d-frag-Kommentar-Diskussion zu punkten.

Zudem kann man leichter auf Gegenargumente und Konter antworten, die man bereits kennt, was die eigene Position ebenfalls stärkt. Also ruhig weiter so.

PS: Der Brief gefällt mir übrigens, wenn ich auch ein einziges Beispiel als Fehler zu schwach für die angebrachte Argumentation halte.
· 4. Dezember 07 · 01:06
Ivor Bigbotty meint:
Ich hab mich früher schon öfter gefragt ob es überhaupt legitim ist unter einen Bericht eine Musik zu mischen, da diese den Rezipienten ja schon gefühsläßig beeinflusst, hab den Gedanken aber nie richtig weitergeführt und Konsequenzen gezogen, da mir das zu trivial erschien.
Inzwischen denke ich, dass es teilweise echt "gefährlich" ist sich eine Meinung zu bilden. Denn wenn wir ehrlich sind und zu einem Thema etwas ablassen, dann wissen wir meistens garnichtmehr so genau woher wir das alles wissen (irgendwo mal gesehen/gehört).
Wer Lust hat kann ja mal folgendes bei einer Diskussion mit Freunden, Bekannten oder Verwandten probieren. Wenn's grad um irgendwas geht, einfach mal fragen woher man das denn weiß.
Da fällt meist der Satz: "Hab ich letztens im Fernsehen gesehen." oder "Hab ich in der Zeitung gelesen".
Auf die Nachfrage was für ein TV-Format das war, oder welche Zeitung wird's dann meist schon dünner. "TV-Format?... 16:9 oder so."
Allerdings kann man auf die Art Diskussionen auch schnell ganz abwürgen und es macht einem auch nicht unbedingt sympathischer, aber ich denke es ist wichtig ab und zu mal zu zeigen, dass es selbstverständlich ist nicht jedem zu trauen, nur weil er im TV zu sehen oder in der Zeitung zu lesen ist.
· 4. Dezember 07 · 10:41
Ivor Bigbotty meint:
@Micha:
Ich denke der Kern des Briefes ist eher, dass die Sachlage seriös betrachtet wird und als Schluss die Unglaubwürdigkeit des TV-Formats folgt.
Das Urteil des Briefschreibers geschieht auch quasi aus einer neutralen Ecke. Es geht nicht um Pro und Contra des Streitthemas, sondern um die Arbeitsweise. Hier reicht dann bereits einen Fehler, der schwerwiegend genug ist, als Grund anzuführen.
Der Schluss: "Wenn ein Beitrag so schlecht und fehlerhaft ist, dann muss ich davon ausgehen, dass auch alle anderen Beiträge so sein können.", ist logisch und nicht anfechtbar. Eine Information, von der ich weiß, dass sie wahrscheinlich nicht richtig ist, ist nutzlos. Damit sinkt das Niveau der ÖR-Berichterstattung eindeutig ab und endet auf der Ebene der Privaten und der BILD.

Ich vermute, dass die Macher und Verantwortlichen von Frontal21 ganz genau ihre Fehler kennen. Auf Kritik reagieren sie mit Stärke und streiten konsequent ab, weil sowas in Machtspielen quasi genetisch vorprogrammiert ist.
Sehr wahrscheinlich wird sich die Einstellung derer, die das machen auch nicht ändern lassen, denn sie sind jetzt schon zu tief in einer Art Kreuzzug drin. Durch den Widerstand fühlen sie sich vielleicht auch bestätigt in ihrem Tun weil man sagt ja fälschlicher Weise gerne, dass betroffene Hunde bellen. Da gelangt man dann ganz schnell an einen Punkt, an dem nur noch das Ziel wichtig ist und die Mittel dementsprechend gewählt werden.

Alles zutiefst Menschlich, aber nicht gut zu heißen.
· 4. Dezember 07 · 11:00
M. meint:
Ob der Brief etwas bringt? Man kann es nur hoffen.
Übrigens gibt es hier bei Zufallsfaktor ein kurzes Interview mit dem Macher des YouTube-Videos in dem er sich auch zur stellungnahme von Frontal21 äußert.
· 4. Dezember 07 · 14:00
Der fiese Peet meint:
Selbst wenn er sich von den ÖR abwendet, so kriegen sie trotzdem sein Geld, so lange er nur einen Fernseher im Keller stehen hat.

Die wissen schon, wieso sie die GEZ eingeführt haben !
· 9. Dezember 07 · 13:55

Kommentare sind für diesen Beitrag geschlossen.

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