Irgendwann im Jahr 2004 schlug Mo einer Handvoll Freunden vor, ein kleines Spieleblog zu gründen. Das Ziel war, erstens gute Texte über Spiele zu schreiben und zweitens die Weltherrschaft an uns zu reißen. Und wo stehen wir heute? Eines lässt sich mit Sicherheit sagen: Wir könnten viel weiter sein, wenn es damals schon Overlord gegeben hätte. Dem Spiel liegt nämlich ein praktisches »Handbuch für die Weltherrschaft« bei.
Und dieses Buch hat man im Spiel auch bitter nötig. Schergenmeister Gnarl holt uns mit den Worten »Reibt ihm Säure in die Augen, damit er wach wird!« aus unserem Sarkophag, steckt uns in unsere alte Rüstung und hofft, dass wir das Desaster wieder in Ordnung bringen können, das unser Vorgänger hinterlassen hat. Der vorherige Overlord wurde besiegt und sein dunkler Turm von ein paar Halblingen zerstört. Wir dürfen die Ruine nun wieder aufbauen.
Das tun wir nicht eigenhändig, wie in Dungeon Keeper, sondern wir reisen durch die Spielwelt, um die gestohlenen Einzelteile unseres dunklen Zuhauses wiederzubekommen. Die Schmelzöfen, das Turmherz, einen Kran. Um den Fortgang der Bauarbeiten kümmert sich Gnarl geradezu rührend.
Begleitet werden wir auf den Streifzügen von unseren Schergen. Die gibt es in vier verschiedenen Ausführungen: Die Braunen sind hervorragende Krieger, die Roten zündeln gerne, die Grünen können mit Gift umgehen und die Blauen andere Schergen heilen. Die vier Farben entsprechen nicht umsonst den Farben der vier Aktionsknöpfe des Xbox-360-Pads: Auch wenn die Steuerung mit Maus und Tastatur brauchbar ist, richtig angenehm handhabt man das Kommando über vier verschiedene Schergengruppen gerade in komplexen Situationen nur mit dem Gamepad.
Mit dem rechten Analogstick steuert man sein Alter Ego, den Overlord, durch das Geschehen, wohingegen man mit dem linken Analogstick die Horde Schergen kommandiert. Kisten und Schätze mag es in vielen Rollenspielen und Action-Adventures geben, aber so kultig wie hier hat man noch nie ganze Dörfer überfallen. Auf Kommando rennen die Schergen hierhin und dorthin, schlagen auf ihrem Weg alles kurz und klein und bewaffnen sich mit jedem Krempel, den sie gerade herumstehen sehen. Aus der Küche kommen mit Sicherheit einige von ihnen mit einer Bratpfanne als Helmersatz wieder. Alle Dinge, mit denen die Schergen selbst nichts anfangen können, bringen sie zu uns. Gold, Heiltränke und vor allem die Seelen getöteter Lebewesen. »Für den Overlord«, »Für den Meister« oder einfach »Schaaatz« sagen sie, wenn sie uns die Pakete reichen.
Man muss sie einfach mögen.
Neben den zahlreichen, gelungenen Anspielungen auf Herr der Ringe liegt die humoristische Grundlage von Overlord besonders in den »Helden«, die sich uns entgegenstellen. Seit ein kleiner Halbling als Held gefeiert wurde, sei alles völlig aus dem Ruder gelaufen, erzählt uns ein Dorfbewohner. Die Halblinge sind gemein und verfressen, und die uns später begegnenden Paladine, Einhörner und Elfen sind nicht viel besser. Die sogenannten Helden sind wenig heldenhaft, und wenn wir sie besiegen, um Schergen zu befreien oder Teile unseres Turms zurückzubekommen, nützen wir damit oft anderen. Oft erledigen wir dabei sogar ungewollt Aufgaben, die wir in anderen Spielen auf der Seite des Guten angenommen hätten. Weshalb man beispielsweise zu Beginn des Spiels in Rauschingen (»Buäh, was für ein Name! Und alles grünt und gedeiht! Versucht, nicht einzuatmen, Herr!«) nach der Zerstörung des Halbling-Dorfes als wackerer Held gefeiert wird. Natürlich nur solange, bis man anfängt, zu rauben und zu brandschatzen, um seine Horde Schergen neu auszustatten.
Spielerisch ist Overlord eine interessante Mischung aus Action-Adventure und Strategiespiel. Gerade im späteren Spielverlauf kommt man nur weiter, wenn man sich genau überlegt, für welche Zwecke man seine vier Schergentruppen einsetzt. Die Grünen können tolle Hinterhalte legen, die Roten dagegen platziert man besser außerhalb der Reichweite des Feindes, weil sie nicht viel einstecken können. Wie ein Kindergärtner auf seine Horde kleiner Ganoven Acht zu geben, zahlt sich dabei wirklich aus. Denn durch die eingesammelte Ausrüstung werden die Racker immer schlagkräftiger, während ein neu beschworener Scherge wieder mit Standardausstattung beginnt.
Nicht verschweigen sollte man, dass die Steuerung der vier Grüppchen und des Overlords in zeitkritischen Momenten nicht ganz so einfach von der Hand geht. Besonders das gezielte Anvisieren von Objekten fällt dann schwer, weil die Kamera nicht immer so will wie man selbst. Abgesehen davon ist der zuerst erzeugte Eindruck der Nichtlinearität der Story nur vorgetäuscht: Man merkt relativ schnell, dass sich Aufgaben nur in einer bestimmten Reihenfolge sinnvoll erledigen lassen. Solange man nicht genau weiß, womit man anfangen soll, kann das aber in unnötige Herumlauferei ausarten.
Trotzdem, wer den Humor von Dungeon Keeper mochte, wird auch hier seinen Spaß haben. Ich muss jetzt los. Es gibt Schändliches zu tun.
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