Töte zwanzig Wildschweine und bring mir ihre Felle. Landauf, landab bedienen Fantasy-Onlinerollenspiele mit dieser Art von Aufgabenstellung so konsequent das Jäger- und Sammler-Prinzip, dass man sich fragen muss, warum nicht ein Großteil von ihnen in der Steinzeit spielt. Wenn es eine Sache gibt, die man Vanguard groß anrechnen muss, dann ist es deshalb der Versuch, aus diesen Fesseln auszubrechen und dem Spieler Möglichkeiten an die Hand zu geben, Aufgaben auf andere Art und Weise zu lösen, als einfach allem verdächtig Aussehenden die Keule über den Schädel zu ziehen.
Eine dieser Möglichkeiten ist das so genannte Diplomatie-System. Wobei »Diplomatie« in diesem Zusammenhang nicht bedeutet, dass man von Beginn an Friedensverträge zwischen verschiedenen Nationen aushandelt, sondern dass Vanguard den Spieler generell erst einmal befähigt, Dialoge mit computergesteuerten Charakteren zu führen. Gemessen daran, welch fundamentaler Bestandteil menschlicher Kommunikation verbaler Dialog ist, erstaunt es durchaus, dass viele Onlinerollenspiele sich auf monologisierende Questgeber beschränken und dem Spieler zur Verständigung mit dem Computer lediglich gewalthaltige Mittel zur Verfügung stellen.
Vanguard ermöglicht Dialoge dabei nicht etwa, indem es den Spieler tatsächlich Gesprächsoptionen auswählen ließe. Ein Dialog läuft bei einhunderttausend Spielern auf immer dieselbe Art und Weise ab. Aber es lässt den Spieler diesen Dialog Stück für Stück erarbeiten: Indem er den Computergegner in einem Sammelkartenspiel schlägt! Die Sammelkarten repräsentieren dabei Argumente und Wendungen, die Auswirkungen auf mehrere Gesprächseigenschaften haben. Mit »Line of Reasoning« kann man beispielsweise Punkte in der Eigenschaft »Reason« gewinnen, die man in der nächsten Runde verwendet, um seinem Gegenüber einen »Infallible Proof« vorzusetzen. Damit hat man im Dialog vermutlich erst einmal die Nase vorn und die nächste Zeile des Gesprächs wird im Textfenster dargestellt.
Je nach Länge des Dialogs muss man eine bestimmte Anzahl an Runden gegenüber dem Gesprächspartner in Führung liegen, um die Auseinandersetzung zu gewinnen. Das spielt sich spannend und sorgt dafür, dass die freigeschalteten Texte tatsächlich gelesen werden, im Gegensatz zu den herkömmlichen Questtexten, die häufig weggeklickt werden, um schlicht in der Statuszeile nachzusehen, wieviele Exemplare von welchem Wildtier man nun wieder umzuhauen hat.
Die Bandbreite an Karten ist dabei weit gefächert, von Karten wie »Good Point«, die einem einen kurzfristigen Vorteil bringen, dem Gegner aber Punkte geben, die dieser für mächtige Argumente nutzen kann, über Karten, die beispielsweise »Reason«-Punkte in »Aggression« umwandeln, mit der man seinen Gegner zusammenstauchen kann, bis hin zu kraftvollen Karten wie »Elven Unity« die viele Punkte aufbrauchen, aber ein Gespräch endgültig zum eigenen Vorteil wenden können.
Zusätzlich bietet die Diplomatie Raum für eine ganz eigene Jagd auf Ausrüstung, denn den Umständen angemessene Kleidung ist für die Diplomaten-Karriere lebenswichtig. Ob Soldaten, Adlige oder Handwerker – nur mit dem richtigen Erscheinungsbild reden die Leute überhaupt mit euch. Um ob der zahlreichen Kleidungsstücke kein heilloses Chaos im Inventar des Spielers ausbrechen zu lassen, ist der Ausrüstungs-Bildschirm in Vanguard fünffach unterteilt. Detailliert lässt sich hier festlegen, dass ihr auf der Jagd die Lederrüstung tragen wollt, euch für die Arbeit im Handwerkerkeller eine Schürze umschnallt, fürs Holzfällen die Axt in die Hand nehmt und für das Gespräch mit hochrangigen Politikern feine Seide bevorzugt. Vanguard kleidet euch dann je nach Spielsituation automatisch entsprechend ein.
Natürlich wäre Vanguard nicht Vanguard, wenn das Diplomatiesystem trotz des starken Konzepts nicht einige entscheidende Schwächen hätte. Gerade zu Spielbeginn, wenn man über relativ wenige Karten verfügt und von diesen lediglich fünf mit in das Gespräch nehmen kann, kann es schnell passieren, in einem Gespräch vollkommen chancenlos zu sein. Zum Glück ist es mit den Skripts der computergesteuerten Gesprächspartner nicht allzu weit her. Manchmal verliert man das erste Spiel, sieht dann aber schon, welche Karten der Gegner einsetzt und welche Strategie er generell fährt, kann sein eigenes Deck darauf einrichten und im zweiten Anlauf den Sieg einfahren. Die Computergegner sind nämlich gewaltig unflexibel. Ihre Auswahl an Karten ist begrenzt und auf Richtungswechsel in der Strategie des Spielers reagieren sie praktisch nicht.
Möglich ist es vor allem zu Beginn aber auch, dass man in Ermangelung der richtigen Karten zwar weiß, wie man auf einen Gegner reagieren müsste, aber einfach nicht die Mittel dazu hat. Im Gebiet um Tanvu herum konnte ich zwei Diplomatie-Quests erst deutlich später angehen als vom Spiel vorgesehen, weil ich einfach keine Karten hatte, mit denen ich meinen Diskussionspartner hätte besiegen können.
Auf höheren Levels berichten Spieler allerdings eher vom Gegenteil: Dass man Dank der immer größeren Auswahl an Karten, und weil man mit steigendem Level immer mehr Karten gleichzeitig ins Spiel nehmen kann, Decks zusammenstellen kann, die quasi unbesiegbar sind.
Insgesamt aber ermöglicht das Diplomatie-System schon jetzt Quests und Aufgaben, die in anderen MMORPGs nur sehr schwierig umzusetzen wären, und erweitert damit die Möglichkeiten der Autoren enorm. Ob es um die Aufklärung von Verbrechen geht, um Verkaufsverhandlungen oder um Hilfe bei Gewissensentscheidungen: Viele erzählerische Stränge in Vanguard kommen komplett ohne Einsatz von Gewalt aus.
Und das, obwohl die Umsetzung vergleichsweise frisch ist: Im Sommer 2006, als Vanguard schon in mitten in der Betaphase war, wurde das über Jahre hinweg entwickelte ältere System komplett über den Haufen geworfen und durch die aktuelle Sammelkarten-Variante ersetzt. In der Zwischenzeit wurden viele Balancing-Probleme beseitigt, das System wurde um neue Karten, neue Quests und neue Strategien für die NPC-Gegner ergänzt und ist auch über die letzten Patches hinweg konsequent auf einem sehr guten Weg. Für mich ist Diplomatie heute der vielversprechendste Aspekt Vanguards.
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