Geschafft! Schon Dank der Überschrift dürfte die kleine GoogleAds-Leiste unter diesem Artikel nun in etwa aussehen, wie mein Postfach in World of Warcraft seit einiger Zeit regelmäßig aussieht. Gefüllt mit reichlich dubioser Werbung, die einem anbietet, reale gegen virtuelle Währung einzutauschen. Oder sich gleich das halbe Spiel gegen Bezahlung von jemand anderem durchspielen zu lassen.
Die Google-Leiste muss man sich, Popup- und Bannerblockern sei Dank, nicht anzeigen lassen. Unerwünschte E-Mails sortieren Spamfilter aus. In WoW liegt die Sache anders. Zwar gibt es inzwischen AddOns wie SpamSentry und AntiGoldSpam, die arbeiten aber entweder noch nicht besonders zuverlässig, verschlingen schon mal erwünschte Post, oder nehmen dem Benutzer kaum Arbeit ab. SpamSentry beispielsweise sammelt Spam-Post und die Namen der Charaktere, die sie versenden, um diese Informationen regelmäßig per Ticket an den Support zu schicken, nachdem ich sie gegengelesen habe. Wenigstens wird so konsequent jeder Vorfall gemeldet, aber für mich ist es trotzdem mehr Aufwand, als den Berg an Werbezetteln einfach nur zu löschen.
Ist der Briefkasten mal nicht verstopft, wird man von Charakteren mit Namen wie Xtkjsysdawe angesprochen, die einem in gebrochenem Englisch ungefragt tolle Sonderangebote unterbreiten. Zu antworten, dass man sich diese Belästigung verbitte, bringt nichts, denn erstens sind die Charaktere nach wenigen Sekundenbruchteilen wieder offline, zweitens sind sie fix gelöscht und unter anderem Namen neu erstellt. An manchen Tagen fühlt man sich in Shattrath wie in Hongkongs Stadtviertel Kowloon, wo man an jeder Straßenecke gefragt wird, ob man «Rolex« kaufen möchte.
Das Bemerkenswerte daran ist, dass Derartiges von den amerikanischen Servern zwar schon seit geraumer Zeit berichtet wird, dass wir in Europa bis zum Beginn diesen Jahres aber kaum damit zu kämpfen hatten. Der Grund für den Umschwung ist mir unbekannt, aber ein Zusammenhang mit der Entwicklung des Goldpreises in Amerika ist nicht ganz unwahrscheinlich: Virtuelles Gold aus WoW ist dort im letzten Dreivierteljahr nämlich um ein Mehrfaches im Preis gestiegen, auf inzwischen über 120 Dollar für 1000 Gold. Und das, obwohl Gold seit Erscheinen des AddOns Burning Crusade für den einfachen Spieler viel leichter zu bekommen ist als davor. Wenn man annimmt, dass diese Preissteigerung mit Gegenmaßnahmen Blizzards beispielsweise in Form von Accountsperrungen zu tun haben könnte, gleichzeitig aber beobachten muss, dass der Goldpreis in Europa mit etwa 25 Euro für 1000 Gold so niedrig ist wie gehabt, dann erklärt sich die plötzliche Entdeckung des alten Kontinents.
Dummerweise kommt, wenn man sich schon einmal nach den realen Preisen virtuellen Goldes umschaut, zwangsläufig irgendwann der Moment, wo man anfängt zu rechnen. Bisher habe ich nur einen einfachen Greifen, weil ich mir das teure Exemplar, das immerhin mehr als doppelt so schnell fliegt, nicht leisten kann. Mir fehlen noch etwa 3000 Gold. Weil ich einen Heiler spiele und keine Figur, die richtig gut Schaden austeilt, werde ich ewig und drei Tage brauchen, um das Gold zusammen zu bekommen. Zumal die ertragreichsten Varianten, Farmen und Questen, mir nur wenig bis gar keinen Spaß machen. Beim Farmen stur Feinde umzukloppen um an Wertsachen zu kommen, oder riesige Gebiete abzufliegen um kleine Pflänzchen einzusammeln, war schon immer öde. Quests werfen zwar auch guten Gewinn ab, die empfinde ich aber inzwischen als ähnlich langweilig. Die Anzahl an stumpfsinnigen Töte-X-Quests – oder noch besser: töte dreißig davon – hat mit Burning Crusade noch einmal kräftig zugenommen und meine Schmerzgrenze deutlich überschritten.
Gerne gehe ich dagegen mit Freunden in Instanzen, besonders gerne nach Karazhan. Dafür muss man aber gut vorbereitet sein, man braucht große Mengen an Tränken, die man aus Kräutern braut, die man in der Spielwelt findet. Die üblichen Sammelrouten könnte man mit dem teuren Greifen viel schneller abfliegen, hätte seine Kräuter schneller beisammen und den unangenehmen Teil der Geschichte flott erledigt – Zeitersparnis.
Wenn ich mir vor Augen führe, wie wenige Stunden ich im wirklichen Leben arbeiten müsste, um an den schnellen Greifen zu kommen, und dass ich bei dieser Arbeit auch noch mehr Spaß hätte als beim Farmen in WoW, wenn ich mir dann noch vor Augen führe, dass ich die paar Stunden Arbeit schlicht durch die Zeitersparnis in der Raidvorbereitung in wenigen Wochen wieder drin hätte, dann komme ich nicht umhin festzustellen, dass in der World of Warcraft irgendetwas gewaltig schief läuft.
Nicht nur, dass im Spieldesign keinerlei Anstrengungen stecken, Goldhandel zu erschweren, nein, Blizzard fördert ihn geradezu. Ich könnte jetzt eine bekannte deutsche WoW-Fanseite besuchen, dort auf die Gold-Werbung klicken, komfortabel meinen Heimatserver auswählen, den Namen meines Charakters angeben, den fälligen Betrag überweisen und wäre morgen früh im Besitz eines hübschen, schnellen Greifen.
Die Verlockung ist groß.
Man tut es natürlich trotzdem nicht. Nicht nur, dass sich mein Vertrauen in die einschlägigen »Dienstleister« in sehr engen Grenzen hält, dass man mit dem Goldhandel gegen die Nutzungsbedingungen verstieße und die ganze Sache auch sonst den unangenehmen Beigeschmack des Cheatens im Multiplayer hat – beim örtlichen Spielehändler bekäme man für das gleiche Geld mehrere sehr unterhaltsame Vollpreisspiele. Statt eines kleinen Häufchens Polygone, dass einen geringfügig schneller durch die Spielwelt von WoW bugsiert.
Und wir haben uns schon über die Käufer des Pferderüstungs-Addons für Oblivion lustig gemacht.
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