Ich bin ein World of Warcraft-Loser. Ich bin seit der ersten Stunde dabei. Sehnsüchtig habe ich damals auf den Expresskurier gewartet und viel gehofft habe ich. In den zwei Jahren seither ist es mir aber nicht gelungen, auch nur eine Figur bis Level 60 zu bringen. 36 ist die Krönung meiner WoW-Schöpfungen. Und jetzt kaufe ich mir auch noch Burning Crusade, wo doch die meisten neuen Inhalte ab Level 60 sind.
Absurd.
Warum mache ich das bloß? Das hat zwei ganz einfache Gründe: Das Beste am Spiel ist vor dem Spiel. Bevor ich mit einem neuen Charakter den ersten Fuß auf den Boden von Azeroth setze, ist das Beste schon passiert: die Charaktererstellung. Ich könnte stundenlang dutzende Kombinationen von Gesicht, Hautfarbe und Bart ausprobieren, mir dann noch etliche Stunden ausdenken, welche Kombination aus Volk und Klasse am spannendsten ist, um schließlich mit einer Figur auf die Welt zu kommen, in die ich im ganzen Spielverlauf wohl nicht wieder soviel Überlegung stecken werde. Und das, obwohl die Charaktererstellung in WoW sich in so engen Grenzen hält, dass sogar das angestaubte Anarchy Online dagegen fortschrittlich wirkte. Spaß macht es mir trotzdem riesig.
Absurd.
Die beiden neuen Völker der Blutelfen und der Draenei, die mit Burning Crusade verfügbar sind, konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Herrlich. Schade, dass es nicht auch noch eine oder zwei neue Klassen dazu gibt. Das ist eigentlich auch schon die erste Enttäuschung. Dass die Blutelfen so aussehen, als wären sie Final Fantasy oder einem Dragonball-Comic entstiegen, mag angesichts der Zielgruppe verständlich sein, für mich ist es ein weiterer Grund, niemals Horde zu spielen. Macht nichts – dafür sehen die Draenei aus wie Hellboy, womit ich wieder in der Zielgruppe wäre. Bock von null mit so einer Figur wieder anzufangen hab' ich aber auch nicht, wo ich es doch bisher nicht mal bis Level 60 gebracht habe. Mit einem Draenei bin ich von der Exodar bis nach Eisenschmiede - wie Ironforge jetzt heißt - gelaufen, direkt ohne vorher zu leveln. Warum weiß ich gar nicht. Kaum dort angekommen, habe ich ausgeloggt. Da gab's schließlich nichts für mich zu tun.
Wie Absurd.
Die Hintergrundgeschichte zu Burning Crusade, der brennenden Legion und den Draenei hingegen ist richtig abschreckend. Immer, wenn Fantasy- und Science-Fiction-Autoren die Ideen ausgehen, wird schnell eine Metawelt von irgendwo her geholt, die über erstaunliche Dimensionsportale zu erreichen ist und in denen in der Regel namenloser Schrecken herrscht. (Vgl. dazu u.v.a. Anarchy Online - Shadowlands) Laaangweilig, albern und total daneben. Und dabei ist es ja nicht so, dass die Spielwelt ausgereizt wäre. So viele offene Fragen, so viele komische Kreaturen, die schon vor BC herumliefen. Es gibt keinen Grund, so eine alberne Metawelt aus dem Hut zu zaubern.
Absurd.
Das eigentlich Absurde ist aber, dass ich BC gekauft habe und immer noch WoW spiele. Ich kann gar nicht sagen, warum. Ich habe keinen Bock auf Quests, Dungeons und Gilden. Ich langweile mich nachgerade in WoW. Das Tippen ist mir zu anstrengend und auf Teamspeak hab' ich erst recht keine Lust. Ich mag, wie mein Löwe neben mir her trottet. Ich mag, dass ich einen Weg gefunden habe, wie man zu Fuß über ein Gebirge kommt, dass die Spielmacher allem Anschein nach nicht für Überquerungen vorgesehen haben. Ich mag das Wissen und das Gefühl, eine virtuelle Figur durch eine virtuelle Welt zu steuern, in der nach dem virtuellen Sonnenuntergang virtuelles Bier getrunken wird, um virtuell betrunken zu werden. Und ich komme gerne zurück nach Dun Morogh, weil es so aufregende Zeiten waren, vor zwei Jahren. Und wenn ich es jetzt recht betrachte, dann habe ich Burning Crusade wohl nur in der versteckten Hoffnung gekauft, es könne noch einmal genau so sein.
Absurd.
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