Über zwölf Stunden Musik hat Howard Shore insgesamt für Peter Jacksons Verfilmung des Herrn der Ringe geschrieben, das eine oder andere Stück davon hat es auch in die zahlreichen im Tolkien-Universum angesiedelten Computerspiele geschafft, die in den letzten Jahren erschienen sind. Schon während der Komposition des Soundtracks hat Shore daran gearbeitet, seine musikalische Vision von Mittelerde auch in symphonische Formen zu gießen: Heraus kam die etwa zweieinhalbstündige »Lord of the Rings Symphony«, die das Gewandhausorchester zu Leipzig am kommenden Wochenende in der Leipziger Arena aufführen wird, unter der Leitung von John Mauceri.
Aufnahmen und Konzertbesuche hin oder her: Die aufregendste, spannendste und schweißtreibendste Möglichkeit Musik zu genießen ist, selbst zu singen oder ein Instrument zu spielen. Ich gehe gerne in die Oper, aber noch lieber sitze ich im Orchestergraben, trage zum Gesamtwerk bei, bin winziges Rädchen im Getriebe, wenn für wenige Stunden auf der Bühne eine andere Welt entsteht. Man wird Teil davon, inniger als es vom Zuschauerraum aus jemals möglich wäre.
Gut, meistens ist das so. Bei Filmmusik eher nicht.
Vorgestern begannen die Proben für die beiden Konzerte am Wochenende. Und obwohl ich Shores Herr-der-Ringe-Soundtrack eigentlich mag und gerne höre, fielen mir mehrere Dinge recht schnell auf: Erstens mag das Werk zwar sehr gute Filmmusik sein, scheint mir für Live-Konzerte aber eher ungeeignet, weil es schlecht ausbalanciert ist. Eine Panflöte ist nicht besonders laut. Wenn gleichzeitig noch die Hälfte des restlichen Sinfonieorchesters spielt, ist sie praktisch nicht mehr zu hören, mag ihre Melodie auch noch so wichtig sein und mögen sich die anderen Musiker noch so sehr zurückhalten.
Was im Tonstudio kein Problem ist, bedeutet für Livekonzerte allerdings, dass eine elektronische Verstärkung unumgänglich wird. In der Leipziger Arena sowieso, denn hier handelt es sich um eine für Sportveranstaltungen und Popkonzerte genutzte Mehrzweckhalle. Die Akustik dort ist dermaßen mies, dass wir uns im Orchester nicht einmal untereinander hören würden ohne Verstärker. Der Technik so ausgeliefert zu sein, ist heute zwar nicht mehr ungewöhnlich, für Musiker klassischer Sinfonieorchester trotzdem eine unangenehme Erfahrung. Mir gefällt das übrigens auch als Zuhörer nicht: Auf den hinteren Plätzen der Arena höre ich vom tatsächlichen Sound des Orchesters doch praktisch nichts mehr. Was ich höre, kommt aus den beiden riesigen Lautsprechertürmen vor mir. Wenn ich Musik aus Lautsprechern hören will, kann ich das eigentlich auch zu Hause vor der Stereoanlage.
Der zweite Punkt mag für Zuhörer, die das Werk im Konzert ein einziges Mal hören, eher uninteressant sein, aber während einer langen Probenwoche macht sich leider durchaus negativ bemerkbar, wie banal, wie simpel gestrickt Shores Soundtrack eigentlich ist. Der daraus resultierende Effekt dürfte Computerspielern gut bekannt sein: Es ist in etwa, als würde man als Hardcorespieler ein neues Actionspiel im leichtesten Schwierigkeitsgrad durchspielen. Überall liegen Munition und Medipacks bereit, die Gegner schießen ständig daneben und suchen keine Deckung, während man selbst schon trifft, wenn man nur grob in die richtige Richtung zielt. Auf Dauer sorgt diese gnadenlose Unterforderung für einen unangenehmen Dämmerzustand. Man würde ja gerne, darf aber nicht.
In den Konzerten sieht die Welt zum Glück schon wieder anders aus. Coram publico stellt sich ein gewisser Adrenalinspiegel ein, die Musik hat durchaus ihre Momente, man freut sich auf seine Lieblingsstellen, gibt sein Bestes. Ab und zu läuft einem dann doch ein Schauer den Rücken hinunter, beispielsweise wenn zum ersten Mal das Thema der Ring-Gemeinschaft auftaucht. Oder wenn die Leuchtfeuer enzündet werden. Beim »Ende aller Dinge« steigt einem vielleicht sogar ein Tränchen ins Auge, und man hofft, dass es den Leuten im Saal genauso geht.
Schließlich kostet eine Karte bis zu sechzig Euro, ein Vielfaches dessen, was die Karten zum Eröffnungskonzert der Games Convention kosten. Was nicht bedeutet, dass wir unangemessen teuer, sondern dass die Karten fürs GC-Konzert spottbillig sind. Denn der Aufwand hinter den Konzerten ist gewaltig. Im Herrn der Ringe stehen etwa zweihundert Orchestermusiker und Chorsänger auf der Bühne und bringen live Shores Mittelerdevision zu Gehör, beim letzten GC-Konzert wurde ebenfalls erstmals ein Chor zusätzlich zum Orchester eingesetzt. Zusätzlich müssen die Werke für die GC-Konzerte oft erst für Orchester arrangiert werden, müssen Noten gedruckt werden, eine Probenwoche findet statt, das FILMharmonic Orchestra reist aus Prag an – und das alles für ein einziges Konzert im gerade einmal zweitausend Leute fassenden Großen Saal des Gewandhauses.
Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Die Karten für die Eröffnungskonzerte der GC sind praktisch geschenkt. Trotzdem trifft man direkt auf der GC, aber auch im Vorfeld in Foren und Blogs immer wieder Leute, die bedauern, dass die Kartenpreise während der letzten Jahre etwas gestiegen sind, oder die die Karten schlicht für überteuert halten. Einem Herrn, dessen Name mir leider entfallen ist, erzählte ich daraufhin von unserem anstehenden Herr-der-Ringe-Konzert, von den verlangten Ticketpreisen, von den über zehntausend Plätzen. Eine völlige Fehlkalkulation, prognostizierte er.
Er behielt Unrecht.
Die »Lord of the Rings Symphony« ist seit Monaten völlig ausverkauft. Falls einer von euch ein Ticket ergattern hat, wünsche ich viel Spaß!
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