Die Geschichte beginnt im September 2005. Nein, sie beginnt viel früher. Aber für mich beginnt sie im September 2005. Es begab sich nämlich zu der Zeit, dass mir der gute Tom Schaffer eine Demo von Stoked Rider feat. Tommy Brunner zeigte – hippe Snowboard-Action eines kleinen Studios namens Bongfish. Bongfish? Nie gehört. Tommy Brunner? Nie gehört. Die Boarderszene ist nicht mein Metier, ob auf Schnee oder Asphalt. Ich habe meine Ignoranz längst bereut.
Doch auch ohne großes Szenewissen klang das Spielkonzept cool: völlig frei im Tiefschnee große Berge herunterrasen (Freeride nennen Boarder das), hübsche Gebirgspanoramen im Hintergrund, realistische Bewegungen im Vordergrund, präsentiert in wunderweißer Grafik mit schneeknirschendem Sound. Das alles Independent? Respekt. Allein, mir fehlte damals die Zeit und die rechte Lust. Trotz atemraubender Dokufilme wie Thermos sind Wintersport im Allgemeinen und Snowboarding im Speziellen nicht mein Metier. Aber ich wiederhole mich.
Und Tommy Brunner? Ein Held für Eingeweihte, ein erfahrener Freeride-Fahrer, 1993 unter den Top Ten beim King of the Hill in Alaska. Bei Stoked Rider Fachmann für Bewegungsstudien, Ratgeber bei Details wie Kleidung oder Ausrüstung, Vermittler zwischen Entwicklern und Sportartikelherstellern. Dies alles für ein Indiespiel? Respekt. Schon wieder. Ich versprach, einen kleinen Text über Stoked Rider zu bloggen.
Der Winter 2005 kam, mein Artikel nicht. Von Zeit zu Zeit vertröstete ich Tom – der für mich ab sofort offiziell immer der Gute Tom heißen wird, weil er die freundlichste Indie-PR betreibt, die man sich vorstellen kann – auf eine Rezension, später, irgendwann, bot ihm ein Treffen auf der Games Convention im August an, ich würde mich schon aufraffen können, mir ein eigentlich ungeliebtes Genre näher anzuschauen, und wäre vielleicht ein Interview mit Tommy Brunner möglich? Ja? Gut. Doch es kam anders.
Am 21. April 2006 starb Tommy Brunner in einer Lawine während eines Fotoshootings. Kurz vor der E3, auf der Bongfish ihr Spiel präsentieren wollten. Jahre zuvor wurde er schon einmal von einer Lawine verschüttet, konnte gerettet werden und hatte sich seitdem sehr für ein größeres Sicherheitsbewusstsein von Snowboardern engagiert.
So unwichtig diese Frage angesichts des Schmerzes der Angehörigen und Freunde von Tommy Brunner auch erscheinen mag, irgendwann stellt man sie: wie soll es weitergehen mit unserem Spiel, in das wir und Tommy so viel Arbeit gesteckt haben? Wäre es pietätvoller, das ganze Projekt einfach abzusagen? Oder wäre es nicht vielmehr im Sinne des Verstorbenen, den Menschen die Faszination und ja, auch die Gefahr des Freeride-Snowboardings durch ein Spiel näherzubringen?
Bongfish beantwortet diese Frage nach einiger Zeit. Das Spiel wird weiterentwickelt. Aus Rücksicht auf die Angehörigen ändert man den Titel in Stoked Rider: Big Mountain Snowboarding. Und dann konzentriert man sich – so makaber es klingen mag – auf ein Feature, das Tommy Brunner schon zu Beginn der Entwicklung sehr am Herzen lag: Lawinen.
Tommy Brunner wollte mit Stoked Rider neben all dem abenteuerlichen Spaß einer unberührten Schneepiste auch die von Lawinen ausgehende Gefahr vermitteln und vor allem, dass man Lawinen selbst verschulden kann. Selbstredend stehen die Geschwindigkeit, die tricky Moves, der Rausch im Vordergrund. Doch löst ein Spieler eine Lawine aus: Game Over. Ohne Kompromiss.
Weihnachten 2006. Die neueste Inkarnation von Stoked Rider heißt Alaska Alien und stellt tatsächlich – wie der Name schon verrät – einen durchgeknallten Außerirdischen aufs Brett. Das finde ich nach diesem für Bongfish sicher nicht einfachen Jahr charmant und mutig. Respekt. Again.
Zum aktuellen Spiel selbst kann ich nichts sagen. Vielleicht werde ich ein paar freie Stunden finden, in denen ich meine Füße zum ersten Mal in meinem Leben auf ein (wenn auch nur virtuelles) Schneebrett schnalle. Weiße Weihnacht? Mit Stoked Rider bestimmt.
d-frag wünscht allen Spielern und Nichtspielern da draußen Frohe Weihnachten. Und das meinen wir auch so.
Kommentare sind für diesen Beitrag geschlossen.