Forsa hat im Auftrag des stern über eintausend Personen zu Egoshootern befragt und kam zu folgendem Ergebnis: »Die große Mehrheit der Bundesbürger ist der Meinung, dass "Killerspiele", wie sie auch der Amokläufer von Emsdetten nutzte, für die zunehmende Gewalt an Schulen mitverantwortlich sind.« (Vorabmeldung)
Nun bringt uns die Privatmeinung auch tausender Bürger in der Frage möglicher Zusammenhänge zwischen realer und virtueller Gewalt ohne entsprechende Indizien und Beweise kein Stück weiter, deshalb lassen wir die offensichtliche Aussage des obigen Satzes bitte links liegen. Viel interessanter ist, wie die Forsa im letzten Halbsatz den Befragten eine Mutmaßung einfach als Fakt unterschiebt. Die Rede ist von »zunehmender Gewalt an Schulen«.
Ich zitiere aus dem aktuellen »Periodischen Sicherheitsbericht« (Seite 354ff.) des Innen- und des Justizministeriums. Die dort getroffenen Aussagen gelten für den Zeitraum von 1998 bis 2005, die Hervorhebungen stammen von mir:
Weder für die Gewalt an Schulen noch für die Gewalt junger Menschen im öffentlichen Raum sind Zuwächse zu erkennen. […] Anhaltspunkte für eine Brutalisierung junger Menschen sind weder den Justizdaten noch den Erkenntnissen aus Dunkelfeldstudien oder den Meldungen an die Unfallversicherer zu entnehmen. Es zeigt sich vielmehr im Gegenteil, dass in zunehmendem Maße auch weniger schwerwiegende Delikte, die nur geringe Schäden und keine gravierenderen Verletzungen zur Folge hatten, zur Kenntnis der Polizei gelangen.
Ein starkes Medienecho finden immer wieder Fälle massiver Gewalt an Schulen. Printmedien, aber auch Funk und Fernsehen haben mehrfach Einzelfälle im Detail nachgezeichnet und von dort ausgehend Generalisierungen vorgenommen. Regelmäßig wird der Öffentlichkeit nahegebracht, dass die Gewalt junger Menschen, insbesondere an Schulen, sowohl quantitativ ansteige als auch zunehmend brutaler werde.
Brettfeld und Wetzels stellten […] auf Basis von Opferbefragungen Jugendlicher für Hamburg fest, dass parallel zu einem Anstieg der Anzeigequote die Tatschwere der von Opfern polizeilich angezeigten Gewaltdelikte zwischen 1998 und 2000 signifikant zurückgegangen ist. Gleichzeitig nahm die Befürwortung von Gewalt sowohl unter Jugendlichen als auch unter ihren Bezugspersonen deutlich ab. Ähnlich sind die Resultate aktuellerer Studien aus den Jahren 2004 und 2005. Dies deutet darauf hin, dass es zu Veränderungen von Problembewusstsein, Sensibilitäten und Bewertungen insbesondere im Bereich der Gewaltdelikte gekommen ist.
Zur Gewalt an Schulen zeigt eine 1994 und 1999 mit gleichem Erhebungsdesign und -instrument bei Schülern der Jahrgangsstufen 5 bis 13 durchgeführte Erhebung, dass es in Bayern in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre nicht zu einer Zunahme der physischen Gewalt unter Schülern gekommen ist. Physische Gewalt, Gewalt gegen Sachen sowie psychische Gewalt sanken danach sogar geringfügig, statistisch nicht signifikant ab, während die verbale Aggression zunahm. In einer dritten Welle im Jahre 2004 finden sich im Vergleich zu 1999 dann Rückgänge, die insgesamt zu einer deutlichen Abnahme der Gewalt an Schulen seit 1994 führen. Es lassen sich keine Anhaltspunkte dafür finden, dass sich die Situation generell verschärft haben könnte.
Noch Fragen? Falls ja, ist der Bericht in Gänze durchaus sehr lesenswert.
Laut der Forsa halten also 72 Prozent der Bundesbürger »Killerspiele« für mit verantwortlich für ein nicht existentes Phänomen. Es lebe die Konsensrealität.
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