Die Abende werden länger, draußen herrscht der dunkle, nasskalte November. Zeit, sich wieder auf die Reise zu begeben, auf eine Abenteuerreise in ferne Länder. Kurz noch die Ausrüstung überprüfen: Ein Teller Kekse steht bereit, eine Kanne Ronnefeldts Festtagstee mit Orangen-Zimt-Karamell-Geschmack ist aufgebrüht. Wunderbar! Dann los!
»Shandra? The Highcliff girl with the flammable barn?«
Neeshka
Kaum haben wir in unserem idyllischen Heimatdorf den Erntepokal gewonnen, dabei die Erinnerungen an das komplexe Regelwerk der Verliese und Drachen wieder wachgerufen und uns mit dem etwas sperrigen Interface des Spiels angefreundet, bricht in Form von seltsamen Klingenwesen auch schon das Unheil über den Ort herein. Ausgestattet nur mit einem Silbersplitter und den besten Wünschen der Dorfgemeinschaft, schickt uns unser Ziehvater nach Neverwinter. Völlig grün hinter den Ohren und ohne den Ansatz eines Plans stolpern wir auf dem Weg dorthin von einer gefährlichen Situation in die nächste. Wir schließen uns mit einigen anderen Reisenden zusammen, mit einem Zwerg, einem Tiefling und einer Elfe, nur um uns im nächsten Hafenstädtchen ausgerechnet von einem Halb-Ork-Piraten sagen zu lassen: »You're a strange lookin' group…«
Wir steigen im Fackelschein in tiefe Katakomben hinab, die Schurkin schleicht voraus, um den Weg abzusichern und Fallen aufzuspüren. Die Gefahr kann hinter jeder Ecke lauern, unbeabsichtigt scheuchen wir Ghule und Skelette auf, gerade so schaffen wir es zu viert, sie zu erledigen. Nachdem wir zurück ans Tageslicht geklettert sind, wird gerastet.
You have gained XP for befriending a giant magical spider.
Schließlich erreichen wir per Schiff Neverwinter, und ab hier nimmt die Geschichte wirklich Fahrt auf. Unsere Fähigkeiten wachsen, wir tragen immer mehr Wissen über unseren Silbersplitter zusammen. Ablenkende Nebenquests ohne Bezug zur Hauptgeschichte gibt es in Neverwinter Nights 2 kaum, alles hängt direkt mit den verschiedenen, sich teilweise überschneidenden Verschwörungen im Lande, mit dem rätselhaften »Fürst der Schatten« oder mit den Lebensgeschichten unserer Reisegefährten zusammen. Allzu oft schafft die Lösung eines Problems dabei neue Schwierigkeiten, wird eine brennende Frage nur beantwortet, damit sich uns hinterher drei neue Fragen stellen. Neverwinter Nights 2 erzeugt ein Gefühl der Dringlichkeit, das seinesgleichen sucht, nicht aus der Spielmechanik heraus, sondern allein aus der Kraft der Erzählung.
Obwohl das Spiel dabei einige Ideen aus anderen Spielen entleiht, wie beispielsweise die Gerichtsverhandlung, sind viele hier so gut umgesetzt wie selten zuvor. Der luskanischen Anklägerin möchte ich wegen ihrer fiesen rhetorischen Tricks am liebsten noch im Gerichtssaal an die Gurgel springen. Nichts ist befriedigender, als sie stattdessen mit ihren eigenen Waffen, mit perfekt gewählten Worten und scharfen Formulierungen zu schlagen. Dass die Begleiter des Helden teilweise zu stark an klassischen Fantasy-Archetypen orientiert sind – die die Natur liebende Elfendruidin, der Faustkämpfe liebende Zwerg, die Gold liebende Diebin, der sich selbst liebende Magier – stört mich kaum, denn in den Dialogen zwischen den Charakteren fliegen die Fetzen. Gerade Sand und Neeshka haben einige Oneliner in petto, die in Erinnerung bleiben werden wie Minscs »Boo sagt, dass…«-Sprüche.
»...we'll need someone to catch arrows in case Grobnar is already dead.«
Bishop
Auch wenn schon früh im Spiel der Ursprung des Bösen klar benannt ist, so wird die Geschichte deshalb nicht leichter durchschaubar. Einen alles überragenden Storytwist wie beispielsweise Knights of the Old Republic fährt NWN2 nicht auf, aber die Geschichte schlägt durchaus einige Haken. Respekt nötigt mir ab, mit welchem Feingefühl und welcher Liebe zum Detail Obsidians Autoren den Charakter des Schattenfürsten herausarbeiten, durch Augenzeugenberichte, durch immer mehr Informationen, die man zum Beispiel in den Ruinen des alten Illefarn findet. Selten war der eigentliche Bösewicht eines Spiels eine derart vielschichtige, mit plausiblen Motiven ausgestattete, geradezu tragische Persönlichkeit. Das ist es, was dem Finale des Spiels Dramatik verleiht; die Rettung der Welt, um die wir auch in diesem Spiel nicht herumkommen, wird daneben beinahe zu einer Fußnote.
»Say yes so we can run away!«
Sand, whispering
Die Story von Neverwinter Nights 2 wischt mit Oblivion ebenso wie Gothic 3 den Boden auf. Kompromisslos. Man kann sich natürlich über die stark begrenzte Spielwelt aufregen, übersieht dabei aber vielleicht, dass die enormen Freiheiten in anderen Rollenspielen gleichzeitig Einschränkungen bedeuten. Einschränkungen der Möglichkeit der Autoren, das Timing einer Geschichte beeinflussen zu können. Manche mögen NPCs bemängeln, die immer am selben Ort herumstehen und keinen eigenen Tagesablauf haben. Aber NPCs gewinnen Konturen hauptsächlich dadurch, dass ihre Dialoge gut geschrieben sind, sie beispielsweise mehrfach innerhalb der Hauptquest auftauchen, von verschiedenen Seiten und in verschiedenen Stimmungslagen gezeigt werden, sie sich weiterentwickeln. Eindimensionale, schlecht geschriebene NPCs bleiben dagegen auch eindimensional, wenn die KI sie essen und schlafen schickt.
Neverwinter Nights 2 ist zwar keinesfalls ein perfektes Spiel, aber das war auch der Vorgänger nicht. Wenn man zum Vergleich tatsächlich noch einmal das ursprüngliche NWN auspackt, kommt man nicht umhin festzustellen, dass viele der kleinen Schwachstellen des aktuellen Spiels ererbt sind. Je länger man weiterspielt, desto mehr fällt allerdings auch ins Auge, wieviele große Schwachstellen Obsidian im zweiten Teil tatsächlich ausgemerzt hat.
Und so muss man eines zugestehen: Die Hürde, Neverwinter Nights 1 samt seiner AddOns zu übertreffen, nimmt der zweite Teil mit Leichtigkeit.
Ebenfalls auf d-frag.de:
Neverwinter Nights 2 – chaotic evil review
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