Erschrocken über den reißerischen Titel? Keine Sorge, er stammt nicht von uns, sondern vom ZDF-Kulturmagazin Aspekte. Normalerweise glänzt Aspekte mit aufwühlenden Themen wie »Der Dresdner Brückenstreit« oder »Das Lucerne Festival«, aber normalerweise stammen die Beiträge dort auch nicht von Rainer Fromm. Bis zum letzten Samstag jedenfalls.
Das Trauerspiel im ZDF hatte diesmal reichlich Vorlauf. Am 19. Juni sprach Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann mit Spiegel Online über ein Herstellungs- und Verbreitungsverbot von Spielen mit extremen Gewaltdarstellungen. Während dieses Gesprächs verwickelte sich der gute Mann in zahlreiche Widersprüche, die deutlich zeigten, dass sein profundes Fachwissen offenbar einzig und allein aus Beiträgen von Rainer Fromm für Frontal21 stammte. Das ist an sich nicht weiter schlimm. Reden kann ein Politiker gemäß Adenauers »Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?« viel, einem großen Onlinemagazin beispiellosen Mist zu erzählen kann da schon einmal passieren. Im Eifer des Gefechts.
Leider ist Herr Schünemann ein Mann der Tat. Im Auftrag der Innenministerkonferenz will er gemeinsam mit Prof. Dr. Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KfN) nun den derzeitigen Jugendschutz in Deutschland untersuchen. Denn, so die Pressemitteilung, Schünemann und Pfeiffer seien »sich darin einig, dass der Jugendschutz bei gewaltverherrlichenden Computerspielen deutlich verbessert werden muss.«
Damit endet die Einigkeit aber auch schon. Schünemann sagte in Aspekte: »Wir wollen Formulierungen haben für ein Herstellungs- und Verbreitungsverbot.« Prof. Pfeiffer in der HAZ auf die Frage, ob er ein Verbot wolle: »Nein, das ist Quatsch, das bringt gar nichts. Ich fordere die Ganztagsschule…« Dass Spiele, die Gewalttätigkeiten gegen Menschen verherrlichen, nach §131 StGB in Deutschland bereits verboten sind, ist den beiden Herren offenbar unbekannt.
Weil man irgendwo mit der Arbeit anfangen muss, untersucht das KfN nun 90 Computerspiele darauf, ob ihre USK-Einstufungen nachvollziehbar seien. Schließlich, zitiert Pfeiffer eine Studie des KfN, gebe es einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Gewaltspielen (ab 16 oder ab 18 Jahren freigegebenen Spielen) und nachlassenden schulischen Leistungen. Bei einem Blick in die Studie fällt aber schnell auf, dass Pfeiffers Team lediglich Viert- und Neuntklässler untersucht hat, also Kinder und Jugendliche, für die derartige Spiele auch nach den USK-Einstufungen ungeeignet wären.
Eine Kritik an den USK-Einstufungen lässt sich also kaum an dieser Studie festmachen. Deutlich zeigen sich dagegen die Auswirkungen übermäßigen Spiele- wie Fernsehkonsums. Um darauf zu kommen, dass es die schulischen Leistungen eines Zehnjährigen nicht gerade verbessert, direkt nach der Schule fünf Stunden vor der Glotze zu hängen, hätte es allerdings keiner Studie bedurft, sondern lediglich einer guten Portion gesunden Menschenverstandes.
Wenn man seinen blinden Aktionismus nicht wissenschaftlich untermauern kann, muss man zu anderen Mitteln greifen. Zu den Mitteln eines Rainer Fromm. In einer Predigt in Braunschweig erklärt Prof. Pfeiffer der Gemeinde beispielsweise: »GTA: San Andreas ist besonders bei Zehnjährigen sehr beliebt… Ein Höhepunkt des Spiels liegt darin, herbei eilende Passanten auf einer Straße mit einer Motorsäge zu töten, so dass das Blut nur so spritzt.«
Welche Wirkung solche Äußerungen insbesondere auf Eltern haben, die selbst über wenig Erfahrung mit dem Medium verfügen, kann sich jeder selbst ausmalen. Nicht die gleiche Wirkung wie »Ein Höhepunkt des Spiels liegt darin, mit dem Motorrad Richtung Sonnenuntergang zu fahren, mit einem Fallschirm abzuspringen oder versteckte Orte in der Spielwelt zu finden, die meine Freunde noch nicht kennen.«
Jörg Lau stimmt bei Deutschlandradio Kultur munter mit ein: »Du schleichst dich von hinten an die Frau heran und schneidest ihr die Gurgel durch. Du erschlägst eine weitere mit der Schaufel und stampfst durch die Blutlache. Wenn du diese Aufgaben erledigt hast, darfst Du zur Belohnung später Fußgänger mit der Motorsäge zerlegen. So geht es zu in GTA: San Andreas.« Verzeihung, Jörg, geht es nicht. Die Belohnungsstruktur, die du konstruierst, existiert im Spiel so nicht. Das kannst du natürlich nicht wissen, weil du von GTA nur die acht Sekunden Videomaterial kennst, die du bei Aspekte gesehen hast. Denn genau die beschreibst du hier.
Die Frage, ob die im ZDF gezeigten Gewaltszenen aus San Andreas überhaupt aus der in Deutschland verkauften, geschnittenen Version des Spiels stammen können, lassen wir besser gleich außen vor. (Edit am 23. Nov. 2006: Die gezeigte Version ist die in Deutschland erhältliche. Mein Fehler.)
Wenn man nicht weiß, wovon man redet, rutscht einem auch leicht mal so etwas heraus: »Wir wissen lange schon, dass Killer- und Folterspiele Nachahmungstaten anregen. Man denke nur an Robert Steinhäuser, den Massenmörder von Erfurt, der seine Nachmittage als Ego-Shooter verbrachte, bevor er 16 Menschen an seiner Schule ermordete, so wie er es spielend gelernt hatte.« Sicher. Wenn er es nicht doch in einem Schützenverein gelernt hat. Beispielsweise im Erfurter Polizeisportverein, in dem er die Glock und die Pumpgun ganz legal kaufte, mit denen er später das Massaker verübte. Hat auch hier der Jugendschutz versagt? Diese Frage stellt sich Uwe Schünemann, selbst Mitglied im Sportschützenclub Holzminden, offenbar nicht.
Lau, ehemaliger Literaturredakteur der tageszeitung und Mitarbeiter der Zeit, schließt seinen Beitrag mit den Worten: »Es ist Zeit, dass die Medienverwahrlosung weiter Teile der Jungen hierzulande als Skandal angeprangert wird.« Die Medienverwahrlosung weiter Teile der Redakteure hierzulande bereitet mir persönlich ebenso große Sorgen.
Prof. Pfeiffer hat in Aspekte inzwischen die ersten zwanzig Spiele seiner Liste durchgespielt und ist entsetzt. Einige Spiele hält er sogar »überhaupt nicht für den Markt geeignet«. Was mit anderen Worten bedeutet: Seiner Meinung nach gehören solche Spiele nicht einmal in die Hände von Erwachsenen. Albrecht Buttolo, Innenminister von Sachsen, stimmt zu und findet »einige Spiele völlig unakzeptabel, ob nun ab 16 oder ab 18. Eine unabhängige Stelle müsste dies auch so sehen und das Töten von Menschen unabhängig von der Altersgrenze als nicht marktfähig wegnehmen.«
Das machen wir bei Büchern und Filmen am Besten auch gleich. Schluss mit den allsonntäglichen Tatort-Leichen, sollen Ballauf und Schenk lieber mal einen gepflegten Taschendiebstahl aufklären. Und Walter Moers Die Stadt der träumenden Bücher ist an manchen Stellen derart eklig, das gehört eindeutig vom Markt. Wenn selbst der Autor auf der ersten Seite warnt, sein Buch sei nichts für Kamillenteetrinker, dürfte die Sache eigentlich klar sein.
Interessant ist hierbei, nach welchen Kriterien Prof. Pfeiffer die Spiele bewertet. Gegenüber Aspekte äußerte er sich dazu nicht, wohl aber in seiner Braunschweiger Predigt: «Ich empfehle eine einfache Grundregel. Spiele, bei denen das Begehen eines Verbrechens belohnt wird, in denen es also Punkte dafür gibt, dass man raubt, erpresst, vergewaltigt oder tötet, dürfen nicht durch Werbung angepriesen oder offen im Handel angeboten werden.«
Klingt simpel, oder? Und so schön logisch. World of Warcraft wären wir los.
Das ist wohl die kriminologische Sicht der Dinge. Egal, ob das Gespielte Kinder oder Jugendliche wirklich in ihrer charakterlichen Entwicklung beeinträchtigen könnte. Vom Markt gehört, was Verbrechen zeigt.
Um sich der Wirkung auf das Publikum ganz sicher zu sein, flechte man das Wort »vergewaltigt« irgendwo ein. Denn im Gegensatz zu den anderen Beispielen, bei denen der Zweck im Rahmen einer Roman-, Film- oder Spielehandlung schon mal die Mittel heiligt, schließlich hat selbst Robin Hood die Reichen beraubt, um den Armen zu geben, schließlich hat James Bond die Welt mehr als einmal gerettet, indem er den Erzbösewicht tötete, sind Vergewaltigungen durch und durch verabscheuungswürdig. Niemand will einen Vergewaltiger spielen. Und deshalb gibt es, soweit mir bekannt ist, auch keine Spiele, in denen man das könnte, obwohl Prof. Pfeiffer durch seinen Satzbau hier geschickt einen ganz anderen Eindruck erweckt. Auf diese Weise hat er schnell jene treusorgenden Mütter und Väter hinter sich, die vor ihrem geistigen Auge sofort den zwölfjährigen Sprössling aus der Schule kommen, in seinem Kinderzimmer verschwinden und mit der PS2 Frauen schänden sehen.
Diese Verleumdung von Computerspielen, das bewusste Ausnutzen der berechtigten Sorge der Eltern um ihre Kinder ist ekelerregend.
Dabei gäbe es für die Welt- und Jugendschutzverbesserer tatsächlich einiges zu tun. Wenn sie für einen Moment von ihrer sinnlosen USK-Hetzjagd absehen würden, könnten sie sogar aus ihrer eigenen KfN-Studie ersehen, was.
Das Hauptproblem sind keinesfalls die Alterseinstufungen der USK, sondern die Tatsache, dass viele Kinder auch an Spiele herankommen, die für ihr Alter überhaupt nicht freigegeben sind. Ganz klar zeigt die KfN-Studie einen Zusammenhang zwischen Bildungsgrad des Elternhauses einerseits und Umfang und Art des Medienkonsums andererseits.
Die Frage lautet: Wie kann man das ändern? Vielleicht, indem man Wege findet, die Kompetenz der Eltern im Umgang mit neuen Medien zu steigern? Das ist laut Pfeiffer nicht möglich: »Viele Eltern haben weder die Zeit noch die Lust zu kontrollieren, ob sich ihr Kind an die Regeln hält« (HAZ-Interview).
Die von EA und Nintendo ins Leben gerufene Initiative »Spielraum«, aus der einmal ein Institut zur Förderung von Medienkompetenz erwachsen soll, geht dieser Frage inzwischen allerdings genauer auf den Grund. Im Rahmen einer Studie des Kölner Instituts für Medienforschung und Medienpädagogik wurde zum Beispiel das Fortbildungsinteresse von Eltern untersucht.
Die ersten Ergebnisse sind durchaus interessant. Von den in der Kölner Fußgängerzone befragten Eltern hatte lediglich ein Viertel eigene Spielerfahrungen, das grundsätzliche Interesse an Informationsangeboten war gerade bei den Eltern ohne eigene Erfahrungen eingangs sehr gering. Das Bild wandelte sich aber, als man den Befragten konkrete Vorschläge unterbreitete, wie solche Angebote aussehen könnten. Sachliche, fundierte Informationen über die Motivation von Spielern und Wirkungen von Computerspielen stießen auf großes Interesse, unabhängig davon, ob die Befragten selbst bereits über Spielerfahrungen verfügten. Ähnliches gilt für praktische Hilfestellungen zur Spielauswahl und zur Spielpraxis in der Familie.
Bei der Form des Informationsangebots favoritisieren viele der Befragten ganz klar Printmedien und Informationsveranstaltungen beispielsweise im Rahmen der Elternabende in Kindergarten oder Schule.
Bleibt uns nur, der Initiative »Spielraum« auf ihrem weiteren Weg viel Erfolg zu wünschen. Wie Thomas Zeitner, Geschäftsführer von EA Deutschland, bereits auf der GC sagte: »[Es ist wichtig], dass diese Debatte auf der Basis von echtem Wissen geführt wird, nicht auf der Basis von Vermutungen, dumpfem Unbehagen, das sich aus Unkenntnis speist, oder gar mit polemischer Absicht, die dieses Unbehagen bedient.«
Fachmann für polemische Absicht ist Rainer Fromm. Viel geringer als bei seinem ersten Frontal21-Report fiel aber das Echo in Spielemagazinen und Blogs diesmal aus. Denn oberflächlich betrachtet bietet er nur mehr vom Gleichen, wir kennen die Masche inzwischen, Aspekte schaut sowieso keiner und so weiter und so fort. Auch ich bin müde, auch ich bin es leid, immer die gleichen Erwiderungen auf die immer gleichen Anschuldigungen vorbringen zu müssen.
Dennoch haben die aktuellen Entwicklungen eine neue Qualität. Beckstein redete nur, Schünemann will handeln. Wenn er erklärt, »Jugendschutz gehört eindeutig in staatliche Hände…, die USK kann das in Zukunft sicherlich nicht machen«, dann ist das genau das, woran er im Moment arbeitet. Die ersten Schritte hat er mit Unterstützung der Innenministerkonferenz bereits getan.
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