22. Oktober 1962. Kubakrise. Das strategische Luftkommando der USA wird auf DefCon 2 gesetzt, den zweithöchsten Verteidigungszustand. DefCon 1 hätte unweigerlich einen thermonuklearen Weltkrieg zur Folge gehabt. 29. September 2006. Introversion veröffentlicht DefCon, das Spiel. »Everybody dies« lautet der Untertitel. Jeder stirbt. Denn hier wird DefCon 1, der höchste Verteidigungszustand, der eigentlich ein Angriffszustand ist, unausweichlich.
Sowohl Spielprinzip als auch Grafik sind eine deutliche Hommage an John Badhams Film WarGames aus dem Jahr 1983. Nichts weniger als ein globaler Atomkrieg wird hier simuliert. Man selbst sitzt im Warroom des (noch) kalten Krieges, in dem bis zu sechs Supermächte auf der Weltkarte aufflackern. Ein Timer zählt die Zeit unaufhaltsam herunter, die bis zur nächsten DefCon verbleibt. Man muss seinem Diktat folgen.
DefCon 5. Radaranlagen entlang der eigenen Grenzen aufbauen, Flugplätze mit Kampfjets und Bombern platzieren, Flotten von U-Booten, Schlachtschiffen und Flugzeugträgern zusammenstellen, Großstädte mit Flugabwehr-Anlagen schützen. Diese Anlagen werden im Ernstfall Atomraketen aus ihren Silos starten. Und der Ernstfall wird eintreten, denn der einzige Weg, ihn zu verhindern ist, DefCon nicht zu spielen.
DefCon 4. Flottenbewegungen planen, vielleicht Allianzen mit anderen Supermächten schließen, jedes mögliche Szenario im Kopf durchspielen. Unruhige Blicke auf vertraute Städtenamen und auf die Einwohnerzahl. Angespannte Stille.
DefCon 3. Der Einsatz der Luft- und Seestreitkräfte wird erlaubt. Aufklärer in fremde Lufträume schicken, um militärische Ziele potentieller Gegner auszukundschaften. Flugzeugträger aktiv nach U-Booten suchen lassen, die sich mit ihren Mittelstreckenwaffen an feindliche Küsten schleichen. Schlachtschiffe werden in Seegefechte verwickelt. Und die ersten Alliierten fallen sich gegenseitig in den Rücken.
DefCon 2. Langstreckenbomber mit Nuklearwaffen über heimischem Himmel. Geduldspiel unter Wasser: falls die U-Boote ihre Atomraketen abfeuern, verraten sie ihre Position und werden verwundbar. Zu langes Abwägen kostet entweder der Besatzung das Leben – oder das ganzer Städte. Die dezimierten Flotten und die Luftwaffe können die eigenen Küsten nicht vollständig überwachen. Noch sind alle Silos im Defensivmodus und sichern den eigenen Luftraum.
DefCon 1. Globaler thermonuklearer Krieg. Die Silos starten ihre atomaren Langstreckenraketen, die jede Stadt der Erde erreichen können. Jeder Raketenstart macht das Silo vorübergehend wehrlos und dauerhaft sichtbar für alle Gegner. Everybody dies. Stille.
Wenn bei Kriegsende zwei Amerikaner und ein Russe am Leben bleiben, dann haben wir gewonnen.
(US-General Thomas Power 1962 als Oberbefehlshaber des strategischen Bomberkommandos)
Am Ende der totalen Zerstörung wird der Sieger nach drei vorher wählbaren Zählweisen ermittelt. Ebenso wählbar ist der Spielmodus, der vom Schnelldurchlauf bis zum »Office mode« fünf Alternativen sowie frei bestimmbare Parameter erlaubt. Im »Office mode« läuft DefCon in Echtzeit und kann jederzeit in den Hintergrund geklickt werden. Die Zerstörung der Welt innerhalb eines arbeitsreichen Bürotages.
Während des Spielens ist man nicht frei von dem Gefühl, etwas Falsches zu tun, denn die ultimative Zerstörung ist das Spielziel. Bemerkenswert auch die Aussage in einigen Foren, dieses Spiel nicht spielen zu wollen, gleichzeitig aber keine Probleme mit dem grafisch expliziten Abschlachten in gängigen Militärshootern zu haben. Und bei unseren internen Diskussionen, in denen wir unser Vorgehen verglichen und neue Taktiken ausgedacht haben, blieb das unangenehme Gefühl.
Ist DefCon ein Antikriegsspiel? Vielleicht. Wenn, dann vor allem wegen der Musik und den Klängen, die während der Schlacht sehr deutlich machen, dass hier kein glorreicher Sieg gefeiert, keine Endsequenz den Gewinner loben und kein dummer Militärgehorsam propagiert werden wird. Zwischen Ambientklängen, Sonarpings und weit entfernten Explosionen mischen sich fast unbemerkt Fußschritte, Gebetsmurmeln und das Elend von Milliarden Toden komprimiert in einem einzigen Schluchzer.
DefCon wird groß werden, mit seiner Reduktion auf wenige Spielmerkmale und der auf den Punkt gebrachten Grafik viele Fanforen, Turniere und Mods inspirieren und sich vor allem per Steam rasant verkaufen.
Wie Schach ist DefCon leicht zu erlernen und schwer zu meistern. In beiden Spielen entscheidet man über Leben und Tod abstrakter, aber menschlicher Figuren. Beim einen über das von 32, beim anderen über das von Milliarden.
Everybody dies.
DefCon ist ab heute offiziell bei Introversion erhältlich und kann per Kreditkarte, Paypal oder Steam für 14 Euro gekauft werden. Besser: muss gekauft werden.
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