Oran liegt an der nordafrikanischen Mittelmeerküste in Algerien, das Mittelmeer im Rücken, weit im Süden die Sahara. 1830 wurde Oran mitsamt des größten Teils Nordafrikas französische Kolonie und blieb es auch, bis sich Algerien 1962 die Unabhängigkeit erkämpfte. Die Sommer dort sind milder, als man es von einer Stadt dieser Lage erwartet, und sie gilt gemeinhin als liberal und weltoffen. Die Pest versetzt den Spieler ins Oran der Vierziger Jahre, als noch viele Franzosen dort lebten – und wie der Name des Spiels andeutet, bricht die Pest aus.
Eigentlich ist so ein neuzeitlicher Pestausbruch eine durchaus spektakuläre Sache und bietet theoretisch genug Stoff für Schockeffekte á la Resident Evil – in dunklen Gassen stöhnende und blutende Aussätzige. Und man bekommt diese Szenen auch zu sehen, aber nur versprengt. Der Großteil des Spieles kommt wenig hektisch daher. Der Spieler begleitet den Arzt Rieux. Er hat die einzige denkbare Aufgabe für einen Arzt während einer Pestepedemie: so viele Menschen retten wie möglich. Dabei selber am Leben und bei Verstand zu bleiben, ist dafür natürlich Voraussetzung.
Hier hat sich die kleine französische Entwicklerschmiede namens Camus etwas interessantes einfallen lassen. Alle Handlungen haben sowohl Auswirkungen auf den Gesundheitszustand Dr. Rieuxs als auch auf dessen Geisteszustand. Wie man Pestkranke behandelt, ist nicht schwer zu lernen, aber Dr. Rieux bei Verstand und geistiger Kraft zu halten, das muss sich der Spieler mühsam während des Spieles erarbeiten.
Die wirklich große Leistung des Spiels aber ist es, einen langen Spannungsbogen auzubauen. Alles läßt sich sehr langsam und geschmeidig an. Während sich die ersten Anzeichen für die kommende Pest häufen, gibt es reichlich Gelegenheit, in die Atmosphäre der Stadt und seiner Menschen einzutauchen. Nur so wird der kommende Kampf gegen den schwarzen Tod zu mehr als der üblichen Fließband-Spiel-Arbeit, zu einer echten emotionalen Herausforderung. Und das alles ohne BFG9000, Prinzessinnen, Auserwählte, Raumschiffe, Monster, Laser, Elben, Explosionen, getunte Karren und Gangstergetue. Endlich mal wieder ein Spiel, bei dem ich nicht die dumpfe Vermutung hege, zwei Lebensabschnitte älter als die Zielgruppe zu sein.
Ich habe Die Pest inzwischen schon mehrfach durchgespielt und bin jedes mal wieder begeistert. Begeistert davon, wie verhalten das Ende ausfällt. Eigentlich gibt es kein Happy End, obwohl die Pest eingedämmt wird. Dafür gibt es viele »Happy Zwischensequenzen«. So geht Dr. Rieux, während die Pest am heftigsten tobt, eines Abends mit seinem Schicksalsfreund Rambert zusammen schwimmen – und beide sind glücklich.
Das Spiel ist schon seit einiger Zeit bei dem weniger bekannten Publisher Rowohlt erschienen, doch die Fachpresse scheint dieses zwar wenig spektakuläre, aber doch mitreißende Kleinod übersehen zu haben. Immerhin hat das Studio Camus dafür den in der Branche bisher eher unbeachteten Literaturnobelpreis erhalten. Den Low-Budget-Preis von 7,90 € ist das Spiel auf jeden Fall wert.
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