»Du hast keinen Begriff, wie es unsereinem zu Mute ist, wenn er immer so einen Riesen hinter sich marschieren hört«, schrieb Johannes Brahms einmal über die langjährige Arbeit an seiner ersten Sinfonie. Gemeint mit dem Riesen ist Ludwig van Beethoven, dessen Sinfonien absolute Meilensteine der Gattung darstellen, an denen über Jahrzehnte kein anderer Komponist vorbeikam. Wirft man heute einen Blick auf das Genre der Actionrollenspiele, könnte einem die Situation vergleichbar vorkommen: Ein inzwischen sechs Jahre altes Spiel ist noch immer das Maß aller Dinge, und die Entwickler bei Iron Lore hörten ihn während der Arbeit an Titan Quest wohl nur allzu deutlich hinter sich marschieren – den Riesen Diablo 2.
Was gute Sinfonien auszeichnet, lassen wir heute mal außen vor und wenden uns dem zu, was gute Actionrollenspiele ausmacht: Flow. Dieser Begriff aus der Psychologie bezeichnet grob gesagt das Aufgehen in einer Tätigkeit. Der Zustand, in dem man sich vollständig auf eine Sache konzentriert und dabei die Zeit vergisst. Manche Computerspiele schaffen es, ihn durch eine rasche Abfolge von Aufgaben und Belohnungen hervorzurufen. Aufgaben, die herausfordernd, aber schaffbar sind. Belohnungen, die nur wenige Mausklicks entfernt, fast schon erreicht sind. Diablo 2 ist ein Meister dieses »fast«. Es ist immer ein Wegpunkt in Reichweite, eine Quest beinahe erledigt, ein Levelup fast geschafft, ein Dungeon so gut wie leergeräumt oder ein Itemset annähernd vollständig. Immer eine Karotte vor der Nase des Spielers.
Das setzt sich fort bis in die kleinsten Details. Wenn die Landschaften, durch die ich streife, schön designed sind, möchte ich sehen, was sich hinter der nächsten Ecke verbirgt. Für versteckte Höhlen oder Schätze decke ich jeden Quadratzentimeter der Karte auf. Darin ist Titan Quest ganz groß: Das mythologische Setting ist schlichtweg genial, die Grafik mit ihren Tag-Nacht-Wechseln atemberaubend. Es macht Spaß, real existierende Orte wie Athen, Babylon, Knossos oder die chinesische Mauer im Spiel zu erkunden und Sagengestalten wie der Medusa zu begegnen. Eine komplette, frei begehbare Welt wie in Sacred gibt es zwar nicht, aber die Landstriche sind immer noch groß genug, um das »Wie auf Schienen«-Gefühl eines Dungeon Siege zu vermeiden.
Auch die Kämpfe sind hervorragend umgesetzt: Im ersten Drittel des Spiels beispielsweise wird Athen von einer Armee von Monstern belagert, gegen die sich die Stadt selbst kaum noch verteidigen kann. Mein Erdelementar, nennen wir ihn Joe, und ich kommen aus Delphi und fallen den Satyren und Zentauren praktisch in den Rücken. Joe ist schätzungsweise 3 Meter groß und besteht aus glühender Lava. Wo er hinschlägt, wächst kein Gras mehr. Ich schicke Joe also voraus und beharke die Gegner, deren Aufmerksamkeit er auf sich lenkt, aus der Ferne mit Blitzen. Fast könnten einem die Satyre leid tun – Feinden, denen Joe eine verpasst, segeln gerne mal mehrere Meter durch die Luft. Als wir schließlich in Athen ankommen, liegen vor der Stadt Berge von toten Monstern. Trotzdem ist im Kampf nicht ein einziger Tropfen Blut geflossen. Entsprechende Effekte gibt es in Titan Quest nämlich nicht. Auch wenn ich auf Bluteffekte in den meisten Spielen durchaus verzichten kann, sie in Neverwinter Nights oder GTA sogar ausschalte, weil ich sie als unnötig und störend empfinde – die Schlachten in Titan Quest wirken durch den Verzicht darauf seltsam steril.
Ein Problem ist auch der Schwierigkeitsgrad: In Titan Quest gibt es drei verschiedene, man muss das Spiel jedoch im leichtesten Modus durchgespielt haben, um den nächsten freizuschalten. Dieser erste Modus richtet sich an absolute Genre-Anfänger. Jeder, der bereits ein Actionrollenspiel in seinem Leben gespielt hat, wird gnadenlos unterfordert sein. Die meisten Gegner halten kaum einen Schwertstreich aus, trotzdem bombardiert uns das Spiel mit Heilelixieren, als würde es uns in dem Zeug ertränken wollen. Sacred beispielsweise hat von Anfang an zwei Schwierigkeitsgrade angeboten, einen für Anfänger und einen für Fortgeschrittene. Die bessere Wahl.
In Hinsicht auf das Klassensystem ist das Spiel einem Sacred oder Dungeon Siege allerdings klar überlegen. Man wählt nicht direkt zu Spielbeginn eine Klasse, sondern kann auf Level 2 und Level 8 jeweils eine Meisterschaft auswählen. Zur Wahl stehen vier Magie-Meisterschaften wie Erde, Sturm und Natur, sowie vier magielose wie Kriegsführung, Jagd und Gaunerei. Die Kombination der Beiden bestimmt die Charakterklasse: Wer Kriegsführung und Erdmagie (die eigentlich Feuermagie heißen sollte) beherrscht, darf sich Kampfmagier nennen. In jeder Meisterschaft gibt es eine ganze Reihe an Sprüchen und Fähigkeiten, die sich mit Punkten steigern lassen, die man jeweils beim Levelaufstieg erhält. Diese Punkte reichen allerdings längst nicht für alles, so dass es sinnvoller ist, einige wenige Fähigkeiten bis zu ihrer maximalen Stärke auszubauen, als zwar jeden verfügbaren Zauberspruch zu beherrschen, aber keinen richtig. Das stellt sicher, dass es auch innerhalb einer Klasse eine Vielzahl an Möglichkeiten gibt, seinen Charakter zu gestalten. Raum für Experimente ist da. Ich hab jetzt schon dutzende verschiedener Kombinationen im Kopf, die ich gerne mal ausprobieren würde.
Obwohl für Kämpfer die Stärke und für Magier die Intelligenz das bestimmende Attribut ist, hat Iron Lore durchaus Vorkehrungen getroffen, damit auch Kombinationen aus Kampf und Magie, die Stärke und Intelligenz gleichermaßen steigern statt nur einen Wert auszubauen, sinnvoll zu spielen sind. Die meisten Zauberschulen enthalten Zauber, die direkt Kämpfern nützen, Erdmagier können beispielsweise den Feuerwiderstand ihrer Rüstung erhöhen und mit ihrem Schwert mehr Feuerschaden anrichten.
Abgesehen von den bisher erwähnten kleineren Dingen hat Titan Quest vor allem zwei große Haken: Die Belohnungsstruktur und das Interface. Mit dem Belohnen des Spielers in Form von Items übertreibt es das Spiel nämlich grandios. Besonders in Gruften und Grabmälern stehen derartig viele Sarkophage, Truhen und Kisten herum, dass ich die Hälfte der Zeit nur mit dem Aufsammeln von irgendwelchem Krimskrams statt mit Kämpfen beschäftigt bin. Manche Bossgegner lassen so viel Zeug fallen, dass ich zweimal zum Händler müsste, um alles zu verkaufen, weil noch dazu das Inventar deutlich zu klein geraten ist. Und das völlig ohne Grund, denn ein hervorragendes Portalsystem ermöglicht es uns, von jedem Punkt der Spielwelt ohne Probleme in die Stadt zu porten, dort unseren Krempel zu verkaufen und zurück an die Stelle zu springen, wo wir aufgehört haben. Das kleine Inventar hindert uns also nicht etwa daran, alles zu verkaufen, was wir finden, es gestaltet das nur furchtbar nervtötend.
Irgendwann hört man deshalb damit auf und lässt das meiste Zeug liegen. Während zu Beginn des Spiels die Händler nämlich noch Dinge feilbieten, die teilweise deutlich besser sind als die in der Spielwelt findbaren, kehrt sich das schnell um. Andere Möglichkeiten als Händler und Mystiker (die es erlauben, gegen Geld Fähigkeiten wieder zu verlernen und die entsprechenden Punkte anderweitig zu verteilen) gibt es in Titan Quest aber nicht, um Geld sinnvoll auszugeben. Rüstungen müssen nicht repariert werden. Gegenstände mit Relikten oder Talismanen zu sockeln kostet nichts, seltenere Gegenstände müssen nicht erst teuer von einem Spezialisten identifiziert werden. Fähigkeiten lernt man einfach so, ohne dafür bei einem Lehrer blechen zu müssen und wenn man stirbt, kostet das lediglich Erfahrungspunkte. All das führt zu einem Schluss: Schon nach wenigen Spielstunden ist Gold in Titan Quest praktisch nutzlos.
Das System der Relikte und Talismane, die beispielsweise Rüstungen und Waffen verbessern können, ist vordergründig clever ausgedacht. Es gibt viele verschiedene Arten, allerdings entfalten sie ihre volle Wirkung nur, wenn ich drei bis fünf gleichartige kombiniere. Das führt dazu, dass ich die Dinger wirklich sammeln will, um eben die Sets zu vervollständigen. Leider lässt mich das Spiel nicht, weil es weder eine Bank noch eine Truhe in der Stadt gibt, in der ich solche Dinge aufbewahren könnte. Behielte ich sie im Inventar, hätte ich überhaupt keinen Platz mehr für Loot.
Ob es Gegenstände gibt, die ausschließlich bei bestimmten Bossmonstern droppen können, habe ich bisher nicht herausfinden können. Allzu oft scheint es aber so zu sein, dass Bosse überhaupt nichts Besonderes droppen, sondern nur mehr von dem üblichen Krempel. Manchmal nicht einmal das. Von dem Minotaurenhelden in Knossos, der lediglich einen lumpigen Heiltrank fallen ließ, fühlte ich mich schon ein bisschen veralbert.
Die Maussteuerung des Spiels entspricht dem Genrestandard und lässt den Spieler beinahe alles mit einem einfachen Linksklick erledigen. Ein Klick auf den Boden und ich laufe an die entsprechende Stelle. Ein Klick auf einen Gegner lässt mich diesen angreifen, ein Klick auf einen Händler öffnet das Handelsfenster. Wenn ich auf einen Questgeber klicke, rede ich mit ihm, klicke ich auf Loot, wird dieser aufgehoben. In vielen Spielen hat das schon einwandfrei funktioniert, in Titan Quest sorgt es leider oft für Frust. Weil die Maussteuerung gerade in größeren Schlachten nur träge reagiert und weil sie offenbar häufig nicht unterscheiden kann, worauf ich gerade klicke: So habe ich beispielsweise eine Feueraura, durch die Gegner in meiner Nähe Feuerschaden nehmen. Deshalb würde ich mich im Kampfgetümmel gerne direkt neben Joe stellen, weil an dem riesigen Elementar alle Gegner kleben. Geht nicht. Auch wenn ich absolut eindeutig auf den Boden neben Joe klicke, habe ich ständig einen der Gegner im Visier. Den ich dann angreife, anstatt zu Joe zu laufen. Mit dem Loot verhält es sich ähnlich: Obwohl Goldbeutel wirklich riesengroß sind, scheint die anklickbare Fläche lediglich 2x2 Pixel zu betragen. Warum bloß?
Zur Ehrenrettung des Spiels muss man sagen, dass die überwiegende Anzahl an Problemen zum Glück Dinge sind, die sich mit Patches in den Griff bekommen lassen sollten. Das Setting ist und bleibt sehenswert, die Kämpfe sind temporeich, die Story vielleicht nicht allzu überwältigend, muss sich vor den übrigen Genrevertretern aber keinesfalls verstecken.
Wie sich Titan Quest nun schlägt im Vergleich zu Diablo 2? Keine Ahnung. Ehrlich gesagt konnte ich Diablo 2 noch nie leiden.
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