Irgendwo in den Chatlogs auf meiner Festplatte liegt er sicher noch, Mos zarter Hinweis, auf d-frag.de werde in absehbarer Zeit nichts zu »Gewalt in Videospielen« erscheinen. Insbesondere zur Bewertung der Situation durch Politiker. Schließlich sei das ein sauödes Thema, zu dem seit Jahren ohne neue Erkenntnisse der immer wieder gleiche Käse geschrieben würde. Recht hat er. Herr Schneider-Johne wünscht sich deshalb mehr Satire dazu und verweist auf Jon Stewards Äußerungen über den US-amerikanischen Congress. Wäre doch nett, wenn das mal jemand mit Herrn Schünemann machen würde? Muss eigentlich nicht sein, denn wenn er so weiter macht, wird Herr Schünemann von ganz allein zu einem der größten Komiker unseres Landes.
Im Moment ist Herr Schünemann allerdings noch Innenminister des Landes Niedersachsen, und in dieser Funktion hat er mit Spiegel Online über seine Zweifel an der Unterhaltungssoftware SelbstKontrolle (USK) gesprochen. Nicht gesprochen hat er offenbar mit Christine Schulz, der Leiterin der USK. Oder ihrem Vorgänger, Klaus-Peter Gerstenberger. Hätte sich ja lohnen können.
Schon der erste Absatz des Artikels lässt mich schmunzeln: »Wir dürfen nicht warten, bis spektakuläre Einzelfälle von jugendlichen Amokläufern - wie 2002 in Erfurt - zu Opfern führen, sondern müssen präventiv handeln«, erklärt Herr Schünemann da und fordert ein Verbot von »Killerspielen«. Boris Schneider-Johne kontert in seinem Blog mit der Forderung nach einem Verbot von Killerbier. Richtig, auch dort müssen wir präventiv handeln, ehe es durch Alkoholeinfluss zu weiteren Unfällen mit tödlichem Ausgang auf deutschen Straßen kommt! Herr Schünemann würde ein Verbot von Killerbier aber vermutlich nicht unterstützen, schließlich sind die meisten Autounfälle einfach nicht genug »spektakulärer Einzelfall« dafür.
Je weiter man liest, desto lustiger wirds. Da beschwert er sich, er könne den wissenschaftlichen Streit über die Auswirkungen von Computerspielen nicht nachvollziehen, bringt auf die Frage, in welchem Bereich er wissenschaftliche Belege denn für überflüssig halte, aber ein Beispiel, das so extrem ist, dass Spiele mit solchen Inhalten von der USK vermutlich gar keine Kennzeichnung, allerhöchstens ein »Keine Jugendfreigabe« bekämen. Was das Verbot von Spielen, die nur an Personen ab 18 Jahren verkauft werden dürften, bitte mit Jugendschutz zu tun hat, erklärt der Minister nicht. Ich schmunzle und freue mich auf die wahrscheinlich kommende Werbekampagne der CDU bei der nächsten Wahl: »Jugendschutz – Jetzt auch für Erwachsene!«
Um zu beweisen, wie wenig Ahnung er vom Thema hat, lässt Herr Schünemann kein Fettnäpfchen aus. Dass inzwischen Millionen Menschen online spielen, hält er für problematisch, obwohl ihm nicht ein einziges gewaltverherrlichendes Onlinespiel bekannt ist. Mir auch nicht. Auto Assault hat zwar keine Jugendfreigabe bekommen, allerdings ist in Deutschland noch kein MMO-Spiel härter bewertet worden. Wo genau sein Problem mit diesen Spielen liegt, erklärt er nicht. Deshalb werden wir wohl nie erfahren, ob ihm die Suchtgefahr Sorgen bereitet (die freilich ein ganz anderes Thema ist) oder ob es ihm einfach sauer aufstößt, dass es Menschen gibt, die lieber mit Freunden etwas unternehmen als sich vor dem Fernseher sozial zu isolieren.
Der Knüller kommt allerdings erst bei der Frage, warum Herr Schünemann denn eigentlich der Meinung ist, dass die USK ihre Arbeit nicht ausreichend gut erledige: Es würden einfach nicht genügend Spiele als für Jugendliche ungeeignet eingestuft, damit würde sich das Kontrollgremium unglaubwürdig machen. Zu diesem Schluss kommt er, obwohl seine Zahlen von bislang 3500 insgesamt geprüften und 23 nicht gekennzeichneten Spiele vom Mond kommen und mit den tatsächlichen Zahlen der USK (15.000/91) nichts zu tun haben. Und obwohl es eindeutig nicht die Aufgabe der USK ist, bei der Bewertung der Spiele irgendwelche Verbots-Quoten zu erfüllen, sondern jedes Spiel fair zu bewerten. Ich sollte dem Herrn Minister mal einen Brief schreiben:
Sehr geehrter Herr Innenminister Schünemann,
ich habe meine Zweifel, ob Polizei und Justiz unseres Landes noch ordnungsgemäß funktionieren. Denn, wissen Sie, laut Strafvollzugsstatistik hatten 2004 von den knapp 60.000 in den Gefängnissen unseres Landes inhaftierten Erwachsenen nicht einmal 2.000 eine lebenslange Haftstrafe abzusitzen. Das ist doch viel zu wenig! Sie werden mir sicherlich zustimmen, dass sich unser Rechtssystem auf diese Weise unglaubwürdig macht. Vielleicht sollten Sie, als für die innere Sicherheit zuständiger Minister, gemeinsam mit dem Herrn Justizminister erwirken, dass in Zukunft mehr Menschen zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt werden.
Mit freundlichen Grüßen, Chris
Die Ohrfeige für Schünemann kommt prompt von der USK:
»Man sei gern bereit, den Unions-Innenministern die rechtlichen Grundlagen der Einstufungen erneut zu erläutern. Zuständig für den Jugendschutz seien aber ohnehin Jugend-, nicht Innenminister.«
Zitat SpOn, Hervorhebung von mir.
Ich hab auf dem Boden gelegen vor Lachen.
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