Raubkopien sind kein ganz neues Phänomen. Trotzdem gehen die Meinungen über die Ursachen genauso weit auseinander wie die über Lösungsansätze wie Kopiersperren und Werbekampagnen. Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, hat die GameStar nun eine große Umfrage zum Thema gestartet. Leider wurden die Fragestellungen offenbar vom Praktikanten in der Mittagspause erdacht.
Schon die erste Frage lässt den geneigten Umfrageteilnehmer stutzen: »Halten Sie Raubkopieren für eine Straftat?« Die Frage ist müßig, denn was Straftatbestand ist und was nicht, ist gesetzlich klar geregelt und keine Frage der persönlichen Meinung. Ich warte auf den ersten Meinungsforscher, der von mir wissen möchte, ob ich Angela Merkel für die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland halte. Interessanter wäre gewesen zu erfahren, ob und mit welchem Strafmaß Raubkopieren nach Meinung der Umfrageteilnehmer bestraft werden sollte. Gerne auch konkretisiert in Hinsicht auf die ursprünglich geplante und später wieder verworfene Bagatellklausel im 2. Korb der Urheberrechtsnovelle (»Nicht bestraft wird, wer rechtswidrig Vervielfältigungen nur in geringer Zahl und ausschließlich zum eigenen privaten Gebrauch herstellt.«).
Frage 3 geht in die gleiche Richtung: »Was halten Sie davon, dass einige Firmen hart gegen Raubkopierer vorgehen?« Man hat nun die Möglichkeit auszuwählen, ob man das für übertrieben oder genau richtig hält oder ob man gerne härtere Strafen sehen würde. Keine Möglichkeit zur Differenzierung, nicht einmal im Hinblick auf die Bagatellklausel, denn, so Michael Graf im GameStar-Forum: »Nach dem neuen Urheberrecht gibt es keine Bagatelldelikte mehr, deswegen fehlt diese Antwortmöglichkeit.« Abgesehen davon, dass diese Klausel derzeit überhaupt nicht existiert und mit dem 2. Korb erst eingeführt werden sollte, finde ich es sehr irritierend, dass von den Gesetzesvorlagen abweichende Meinungen offenbar gewollt keine Berücksichtigung in der Umfrage finden.
Die nächste Frage, »Wovon machen Sie bei Spielen Ihre Kaufentscheidung in erster Linie abhängig?« krankt erheblich daran, dass bei den vorgegebenen Antwortmöglichkeiten zur Qualität des Spieles, zum Kopierschutz, der Verpackung und dem Preis weder eine Mehrfachnennung noch eine Gewichtung der einzelnen Punkte möglich ist. Kein Spieler wird in seiner Kaufentscheidung derart auf einen dieser Punkte fixiert sein, wie es die Fragestellung voraussetzt.
Zum Abschluss wird nach dem wichtigsten Grund gefragt, der Spieler nach Meinung des Umfrageteilnehmers zum Raubkopieren brächte. Die vorgegebenen Antwortmöglichkeiten sind meine persönlichen Top 4 der dämlichsten Raubkopier-Ausreden aller Zeiten. Wenn mangelnde Qualität des Spiels, zu hoher Preis oder zu wenig Extras den Kauf nicht rechtfertigen, dann sollte man gefälligst auch die Folgen seines Nicht-Kaufs tragen: Besagtes Spiel nicht spielen zu können. Und wer jetzt mit dem Beispiel des Schülers kommen möchte, der sich all die Spiele, die er spielen möchte, gar nicht leisten könne, der möge sich doch bitte einmal bei seiner Eltern- bzw. Großelterngeneration danach erkundigen, worauf diese während ihrer Kindheit verzichten mussten.
Sinnvolle Antworten wie der Hinweis auf mangelndes Unrechtsbewußtsein, weil es immer noch zu einfach ist, an Cracks heranzukommen und weil die Anzahl der Gelegenheits-Raubkopierer so hoch ist, dass die Leute nach dem Motto »Wenn es jeder tut, ist es okay« verfahren, sind dagegen nicht vorgesehen. Die erlaubten Antworten suggerieren durch das Fehlen dieser Alternativen, die Existenz von Raubkopierern sei ein ausschließlich von der Industrie selbst verschuldetes Phänomen.
Kein Wunder, dass sich viele Leser im GameStar-Forum darüber beschweren, ihre Meinung im Rahmen dieser Umfrage nicht adäquat wiedergeben zu können. Schade, denn eine mit mehr Sorgfalt und einer differenzierteren Herangehensweise erstellte Umfrage hätte sicherlich einige interessante Einblicke in das Thema liefern können. So ist sie nutzlos.
Kommentare sind für diesen Beitrag geschlossen.