Anfang der Woche beschrieb alcyon an dieser Stelle die schleichende Verwarcraftung seines Bekanntenkreises. Bei meinen eigenen Freunden und Kollegen konnte ich dieses häufige Phänomen bislang nicht beobachten, deshalb beantrage ich hiermit die Aufnahme meines Bekanntenkreises in die »Liste vom Aussterben bedrohter Bekanntenkreise« in der Kategorie Westeuropa und der Altersklasse 15 bis 35.
Besonders stark gefährdet ist dieser Kreis derzeit vor allem durch eine Person: mich. Seit letztem Februar spiele ich WoW, seit Oktober widme ich mich mit meiner Druidin intensiv dem sog. »Endgame«. Während ich mir zuvor meine Zeit im Spiel völlig nach Lust und Laune einteilte, stieg mit dem Erreichen des Endgames der Planungsaufwand exponentiell an. Zu den dann verfügbar werdenden Inhalten gehören nämlich unter anderem Dungeons, die sich nur mit vierzig Spielern bewältigen lassen. Und auch nicht in einem Rutsch, sondern nur mit viel Übung. Monatelanger Übung.
Wer schon einmal versucht hat, im wirklichen Leben etwas auf die Beine zu stellen, das zwingend die Mitarbeit von vierzig Leuten erfordert, an drei Terminen die Woche zu jeweils vier bis sechs Stunden, der kann den Planungsaufwand in etwa ermessen. Aufwand selbst für diejenigen, die gar nicht selbst planen, sondern nur gerne mal mitgehen. Erstens wird in Raidgruppen eine gewisse Mindestbeteiligung vorausgesetzt, zweitens muss man sich, um dabei sein zu können, rechtzeitig vorher anmelden. Und da liegt der Knackpunkt. Denn wer Freunde hat, weiß, dass Freunde auch ganz gerne mal spontan etwas mit einem unternehmen wollen.
Das kann dann zu folgender unangenehmer Situation führen: Du bist seit gestern abend für den Pechschwingenhort angemeldet, um 19 Uhr soll es losgehen. Eine Viertelstunde vor dem Starttermin klingelt plötzlich das Telefon, dein Kumpel ist dran, die ganze Clique will mal wieder zum Bowlen, und zwar genau jetzt. Zwickmühle, denn die Raidmannschaft steht schon Gewehr bei Fuß vor dem Pechschwingenhort und ohne dich wäre ein Druide zu wenig dabei. Einerseits würdest du lieber bowlen gehen, andererseits wäre für 39 andere WoW-Spieler der Abend gelaufen, wenn du das tust.
Bei solchen Gelegenheiten zeigt sich, dass mein Bekanntenkreis zu World of Warcraft leider vollständig inkompatibel ist. Von den schätzungsweise einhundertachzig Leuten, die ich seit meinem Umzug nach Leipzig hier kennengelernt habe, benutzen nur fünf ihren Computer, um damit zu spielen. Onlinerollenspiele spielt kein einziger. Seien wir ehrlich, einem Bowlingfanatiker zu sagen, dass man den Abend lieber mit Bier und Pizza vor seinem heimischen PC verbringt als mit Bier und Pizza auf der Bowlingbahn, das kommt gar nicht gut.
Onlinerollenspiel-Unkundige sehen in diesem Fall sofort den sozial isolierten Freak daheim vor dem PC vermodern, während sich der Rest der Welt im wirklichen Leben vergnügt. Das Verrückte an der Sache ist jedoch, dass das Dilemma seinen Ursprung gerade in sozialen Zwängen hat. Ein Singleplayer-Spiel wie Gothic 2 oder Civilization IV hätte ich ohne zu Überlegen innerhalb von zehn Sekunden ausgeschaltet, hätte die Jacke vom Haken genommen und wäre zum Bowling gegangen. Oder ins Kino. Oder wohin immer.
Aber auch in WoW gibt es Leute, die ich nun seit fast einem Jahr kenne, mit denen ich mich im TeamSpeak über Gott und die Welt unterhalte, während wir Quests zusammen erledigen und Instanzen erkunden. Leute, mit denen ich inzwischen gut befreundet bin, obwohl ich die meisten nie real getroffen habe. Diese Leute ließe ich ungern hängen.
Surreale Dialoge wie dieser sind die Folge: »Kommst du mit ins Kino, Chris?« – »Das geht nicht, ich bin bereits verabredet.« – »Ui, mit wem denn?« – »Mit der Gilde in World of Warcraft, heute gehts in den Pechschwingenhort.« – »Willst du damit sagen, du kannst nicht mitkommen, weil du den ganzen Abend vorm Computer hängen willst?« Wie auch immer man sich in diesem Moment entscheidet, es wird die falsche Entscheidung sein. Entweder lässt man die Gilde allein und erfährt am nächsten Tag im Forum, dass sie leider an Razorgore, dem allerersten Boss, nicht vorbeigekommen sind, weil ein Druide fehlte. Oder man sagt seinem gerade anrufenden Kumpel ab, obwohl man von vornherein weiß, wie bescheiden diese Absage in seinen Ohren klingen muss, weil er natürlich nicht nachvollziehen kann, dass du »für ein Computerspiel« absagst.
Immerhin, die Frage, wie oft wir denn schon im Pechschwingenhort gewesen wären und ob das nicht langsam langweilig werden würde, kann man mit der Gegenfrage, wie oft er die zehn Pins, die er heute abend umzukegeln gedenkt, in seinem Leben wohl schon umgekegelt hätte, ganz gut kontern.
Warum lässt man es überhaupt so weit kommen? Warum spielt man nicht lieber Civilization IV oder wartet auf das nächste gute Spiel von Bioware? Warum fängt man, wenn es denn schon WoW sein muss, nicht mit einem neuen Charakter noch einmal von Null an und hat dann wieder lange Spaß ohne irgendwelche Terminzwänge? Ganz ehrlich, weil diese großen Instanzen für mich persönlich das Unglaublichste sind, was ich je in einem Computerspiel erlebt habe. Die Art und Weise, wie so viele Spieler zusammenarbeiten, die konzentrierten Absprachen im TeamSpeak, die Diskussionen um die richtige Taktik, bis man endlich einen Boss erledigt, den man einen Monat zuvor noch in unerreichbarer Ferne glaubte. All das führt dazu, dass ich nur müde lächeln kann, wenn andere den Erscheinungstag von Gothic 3 oder Oblivion herbeisehnen. Was nützt mir deren riesige Welt, wenn ich darin ganz alleine unterwegs bin? Singleplayer spiele ich inzwischen kaum noch, das ist mir, Entschuldigung, zu öde.
Beispiel Razorgore: Der Pechschwingenhort ist der Hort des schwarzen Drachenschwarms. In der ersten großen Halle stehen zahlreiche Dracheneier, die von Spielern nicht zerstört werden können. Außerdem drei Orc-Wächter an einer Gedankenkontrollkugel, mit der sie Razorgore den Ungezähmten kontrollieren, einen riesigen Drachkin. Unsere Truppe vernichtet also zuerst die Orc-Wachen, danach übernehmen zwei von uns die Kontrolle über Razorgore und zwingen ihn die Eier zu zerstören. Leider schaffen es die Orcs noch, Alarm zu schlagen, und damit geht der Spaß los:
Durch acht Eingangstüren kommen Drachkins, Orc-Legionäre und -Magier herbeigeeilt, um uns von unserem Vorhaben abzubringen. Jetzt muss jeder seine Aufgabe kennen und beherrschen: Druiden versetzen die Drachkin in Winterschlaf, Jäger, Schurken und Magier töten die Orc-Magier, unsere Krieger versuchen die Aufmerksamkeit von so vielen Orc-Legionären wie möglich auf sich zu ziehen und nehmen dann die Beine in die Hand. Hinter sich Unmengen von Orcs. Während Razorgore sein Zerstörungswerk fortsetzt, drängen immer neue Orcs in den Raum, die riesige Halle füllt sich. Ab einem gewissen Zeitpunkt wird das Ganze dann unkontrollierbar, blankes Chaos bricht aus. Priester, Hexenmeister und Krieger sorgen nun mit ihren Furchtzaubern für Massenpanik unter den Gegnern und verwandeln damit das gesamte Schlachtfeld in ein riesiges kurioses Ballett aus Orcs, Drachkin und Spielern. Wir haben zu diesem Zeitpunkt nur ein Ziel: Überleben, bis das letzte Ei erledigt ist.
Etwa so spielt sie sich, die erste Phase des Kampfes gegen Razorgore. Und das ist nur der erste von acht großen Bossen im Pechschwingenhort. Im hervorragenden Video von Curse kann man sich den Hort einmal im Komplettdurchgang anschauen. Wahnsinn!
Um den Bogen zurück zu meinem Bekanntenkreis zu schlagen: Einerseits beneide ich die fünf Leute aus unserem Raid, die sich persönlich kennen, weil sie dieselbe Hochschule besuchen. Andererseits mag ich mein Umfeld hier so warcraft- und computerspielefrei wie es ist. Das hält einen häufig angenehm auf dem Boden der Tatsachen, auch wenn ich World of Warcraft nicht aufgeben möchte.
Inzwischen melde ich mich für Raidgruppen so spät an, wie gerade noch vertretbar ist. Und ich schlage in meinem Freundeskreis häufiger als früher Kinobesuche, Bowling- oder Kneipenabende vor. Dann aber nicht mit einer Stunde, sondern mit einem Tag Vorlauf. Oft kann man solch unangenehme Situationen dann vermeiden. Nicht immer, aber hey, welches Spiel spielt man schon ewig.
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