Das Internet hat einen neuen Hype. Web 2.0 heißt die neue Ultima Ratio. Und wir sind die Speerspitze. Nicht wir Spieler, sondern wir – die Blogger. »Auha«, mag sich die geneigte Leserschaft denken, »wenn das mal nicht ein hoch selbstreferentieller Artikel wird. Ich will zocken und nicht bloggen.« Abwarten, geneigte Leserschaft, vielleicht hat das eine mehr mit dem anderen zu tun, als man gemeinhin annimmt.
Bloggen ist eine spaßige Sache und einem Game – früher hieß das Spiel – gar nicht so unähnlich. Als erstes braucht man Software und Hardware. Software gibt es für lau, Hardware ist egal. Mitmachen kann folglich fast jeder für fast gar kein Geld. Was wiederum eine grandiose Ausgangslage für ein erfolgreiches Spiel hergibt. Wie es sich gehört, gibt es ein paar einfache Spielregeln:
Es gibt sogar ein paar Spielziele:
Ein einfaches Spiel mit derzeit mehr als 22,6 Millionen Spielern weltweit. Immerhin mehr als dreimal so viele Spieler wie The Legend of Zelda: Ocarina of Time, das es auf 7,6 Millionen bringt. Zugegeben, die Grafik ist ziemlich oldschool. Dafür sind die Charaktere aber höchst realistisch. Jeder eine echte eigene Persönlichkeit. Aber Spaß beiseite: was zur Hölle hat jetzt Web 2.0 wirklich mit Spielen zu tun?
Web 2.0 besteht nicht nur aus einer Technologie wie HTML oder RSS oder irgendwas in der Richtung. Das Buzzword Web 2.0 beschreibt vielmehr einen größeren Wandel im Internet, einen Paradigmenwechsel. So wie der Wechsel von Spielen mit damals maximal vier Spielern zu MMO-Games heute. Dieser Web-Wandel wird durch ein paar kleine Techniken möglich und manifestiert sich vor allem in einem anderen Umgang mit Webseiten. Der wohl wichtigste Aspekt ist das Mitmachen. Je mehr Leute bei einem Projekt mitmachen, desto besser wird es in der Regel. Die Blogosphäre – so heißt die Spielwelt – ist deshalb so spannend, weil so viele Menschen mitspielen. Und weil sie mit ihren Artikeln, ihren Zitaten und ihren Ideen das Spiel spannend und aufregend gestalten. Logisch, dass bei 22 Millionen Spielinhalt-Entwicklern für jeden Spieler etwas dabei ist. Und mehr noch: die Erfahrung, dass mein Inhalt irgend wen unterhalten kann, irgend wem Spaß macht und vielleicht sogar irgend jemand wirklich berührt, ist tausendmal aufregender als das Knacken eines Highscores, einer Bestzeit oder eines Endgegners.
Aber Web 2.0 ist noch mehr als das. Bloggen beispielsweise ist nicht nur ein Spiel, es ist auch ein freies Spiel. »Frei« wie in Open Source, wie in Open Standards und Open Documents. Nicht nur kann und darf ich den Großteil dessen, was meine Mitspieler produzieren, wieder verwenden und weiter verarbeiten. Durch eine kleine Hand voll Technik habe ich die Möglichkeit, Spielelemente und Inhalte von einer Anwendung in die nächste zu exportieren, transportieren, importieren, remixen, recyceln oder etwas ganz neues daraus zu machen. Weil die Game-Engine dahinter auf einfachen, offenen Standards beruht und jeder sein eigenes Mod mit diesen Standards entwickeln kann. Web 2.0 ist nur ein Spielsystem und kein fertiges Spiel. Das System sorgt dafür, dass alle mitspielen können und dass jeder das Spiel seinen eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen anpassen kann, ohne den Anschluss an die anderen zu verlieren. Und gemeinsam bringen wir das Spiel voran.
Ich bin zusehends gelangweilt von den Spielinhalten, die mir die Industrie anbietet. Nicht, dass die Spiele der Industrie nicht komplex genug wären. Keine Frage: zur Beschreibung der Mechanik von World of Warcraft gibt es mehr Fachbegriffe, als so manche Disziplin an der Uni aufweisen kann. Trotzdem bleibt mir als Spieler nur minimaler Spielraum. Das Spiel fordert mich lediglich zur Beherrschung seiner Regeln auf. Danach ist meistens Ende. Bei World of Warcraft heißt das, ein paar Makros zu schreiben und die richtigen Buttons in der richtigen Reihenfolge zu drücken. Im besten Fall noch aufzupassen, dass es keinen Wipe gibt. Bei aller Liebe – was für eine armselige Idee von Multiplayer ist denn das im Vergleich zur gegenseitigen Inspiration und Entwicklung, die jeden Tag in Blogs stattfinden?
Doch das ist nicht das Ende der Geschichte. Sonst würden wir ja einfach d-frag dicht machen und fortan übers Bloggen bloggen. Nein, nein nein. Andersherum wird ein Game draus. Warum werden Spiele nicht wie Blogs? Wie cool wäre ein Spiel, dass ich kaufen oder runterladen, auf meinen eigenen gemieteten Webspace schieben und dort spielen könnte? In meinem Teil des Spiels hätte ich die Kontrolle, könnte aber mit anderen kommunizieren und interagieren, mich mit anderen austauschen und ergänzen. Je mehr wir würden, desto größer wären der Spielplan und die Spielwelt. Dank offener Standards könnte jeder das Spiel weiterentwickeln oder verbessern, durchsetzen würde sich letztlich aber nur, was die Zustimmung der meisten Mitspieler fände.
Tja, leider fehlt mir die genaue Vorstellung, wie dieses Spiel aussehen könnte. Gerne stelle ich mir etwas wie Civilization oder strategische Browsergames vor. Oder gleich ein völlig neues Genre? Ich hab keine Ahnung. Ich weiß nur, dass der Erfolg der Blogs auf der kreativen Macht der Masse beruht – the Long Tail – und auf der Möglichkeit, sich vom reinen Konsumenten eines Massenmediums zum Mutanten aus Konsumenten und Produzenten zu entwickeln. Vom Leser zum Blogger. Vom Spieler zum Entwickler.
Was mir besonders an dieser Entwicklung gefällt: es ist eine persönliche. Blogs sind etwas öffentlich Privates und damit die wunderschöne Auflösung dieses ehemaligen Widerspruchs. Bloggen fängt bei mir und bei dir an und nicht in der Industrie. Natürlich schreibt die leider immer noch nicht tote alte New Economy jetzt in dicken Lettern »Web 2.0« auf ihre Banner, macht das Netz mit sich voll (wie Wiglaf Droste sagen würde) und meint damit nur ein bischen RSS und Klickibunti. Aber gerade so funktioniert das nicht. Der durchschnittliche Blogger bloggt aus den gleichen Gründen, aus denen der durchschnittliche Spieler spielt: weil es Spaß macht zu sehen, wie sich etwas auf dem Bildschirm und dahinter bewegt, wenn ich mit meinen Fingern ein paar Tasten berühre. Nur mit dem Unterschied, dass mein Spiel sich nicht verbessert, wenn ich ein besserer Spieler werde. Web 2.0 aber wird ein besseres Spiel mit jeder besseren Idee, die geboren wird. Wie lange können sich Spielehersteller diesen Nachteil leisten? Wie lange sind Spieler bereit, sich diesen Nachteil bieten zu lassen?
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