Freitag habe ich meinen World of Warcraft-Account nicht gekündigt. Das werde ich wohl auch nicht machen. Dafür ist es einfach zu nett, ab und zu mal vorbei zu sehen, ganz formlos und unverbindlich. Aber innerlich habe ich gekündigt. Ich habe der Idee gekündigt, World of Warcraft sei mehr als nur ein hübsches Spielchen für zwischendurch.
Wie viele andere Spieler auch habe ich dem offiziellen Release ziemlich entgegen gefiebert. Keine Freude ist ja so groß wie die Vorfreude und keine Erwartung so groß wie die durch Vorfreude genährte. Und in der Tat: drei Monate lang war World of Warcraft ein Hammer, ein Zeit verschlingendes, Gedanken beherrschendes Monster von einem Spiel. Ich habe mit Freunden gespielt, neue Freunde gefunden, Pläne geschmiedet und überhaupt jede Menge Spaß gehabt. World of Warcraft hat meine Idee von Computerspielen verändert – und die von ziemlich vielen anderen auch. Plötzlich stellte man fest, dass die merkwürdigsten Leute aus dem Freundeskreis World of Warcraft spielten, Leute von denen man nicht mal geahnt hat, dass sie überhaupt am Computer spielen. World of Warcraft war ein bisschen sowas wie der iPod unter den Games. Und wir hatten alle Spaß zusammen.
Wir haben lustige Dinge gemacht. Schon vor dem Start wusste ich, dass ich unbedingt auf einen Rollenspiel-Server wollte, denn am Ende sind es nicht Level, Schwerter, Rüstungen und Zaubersprüche, die Spaß machen, sondern das Spielen – mit anderen zusammen. Und so haben wir witzige Sachen gemacht. Wir haben ein Wettrennen durch Azeroth organisiert, wir haben Friedensmärsche abgehalten und versucht, den alten Brettspielklassiker Scottland Yard als Stormwind Yard in Azeroth zu spielen, mit echten Spielern und mit dem ganzen Kontinent als Spielbrett. Wir hatten noch mehr Pläne: für Kampagnen, für Theateraufführungen, für Aktionen und und und… alles war gut.
Dann stellte ich irgendwann fest, dass ich bei all dem Planen, Marschieren und Landschaften bewundern vergessen habe zu leveln. Inzwischen habe ich das Gefühl, der einzige auf meinem Server zu sein, der nicht Level 60 ist. Das alleine ist nicht schlimm. Schlimm ist, dass mir das Spiel es nicht gerade einfach macht, etwas mit ihm anzustellen, wenn man nicht den richtigen Level hat. Etwas mit ihm anstellen? Naja, wenn ich mich schon in eine Spielwelt einmiete, dann will ich auch mit der Welt spielen und nicht nur in der Welt. Und es ist wohl kein Zufall, dass ich mich seit ein paar Monaten wieder für die Spiele meiner Jugend interessiere, insbesondere für HeroQuest, das ich kürzlich hier vorgestellt habe.
Zugegeben, HeroQuest ist ein Brettspiel und World of Warcraft ist ein »Massive Multiplayer Online Rollenspiel«. Und als HeroQuest auf den Markt kam, hatte ich nicht einmal genug Fantasie, von sowas wie World of Warcraft zu träumen. Ich hätte mir damals wahrscheinlich den Arm abgebissen oder meine Schwester verkauft, hätte mir eine Zauberfee World of Warcraft beschaffen wollen. Wie grandios ist das Grafikdesign denn bitte? Dazu alles, wovon man als Games Workshop-Kid immer geträumt hat und noch viel mehr. Die ganze Welt reagiert sofort auf mich. Alle meine Freunde können dabei sein. Was hätten wir damals für dieses Spiel gegeben? Ein Spiel, das Spieler jeden Alters und aus vielen Bereichen unserer Gesellschaft spielen.
Heute gebe ich 12 Euro pro Monat dafür, doch inzwischen spiele ich nur noch, um mir ein paar Gebiete anzusehen, die ich noch nicht kenne und um die »alten« Begleiter mal wiederzusehen. Ich spiele das Spiel nicht mehr, weil es mich langweilt. Ich habe keine Lust, endlose Quests zu meistern, die vier Millionen Spieler vor mir gemeistert haben. Ich habe keine Lust, mich durch Horden von Monstern zu grinden und ich habe keine Lust, mich für einen Raid oder eine Instanz vier Stunden auf Gedeih und Verderb an den Rechner zu ketten.
Lust hatte ich daran, mir in HeroQuest Abenteuer auszudenken, die die Helden dann bestehen mussten. Sich Geschichten ausdenken, die über zwei, drei oder viel Abende meine Freunde beschäftigten, das machte Spaß. Und sie hinterher mit einzigartigen Schwertern, Zaubersprüchen und Fähigkeiten zu belohnen war großartig. Die kleinen Figuren zu bemalen war zwar etwas fisselich (wie man in Ostwestfalen sacht), aber nach ein paar hässlichen Orks hatte ich den Dreh so halbwegs raus. Danach sah das Spiel aus wie mein Spiel. Mit ein paar schnöden Kopiervorlagen, etwas Farbe und Fantasie bot dieses ansonsten in jeder Hinsicht einfache Spiel mehr und vor allem längeren Spielspaß als das multimillionenfache World of Warcraft.
Dabei wäre das technisch in World of Warcraft sicher machbar. Auf PlayerQuest findet man ein Add-On, dass einem zumindest schon mal ermöglicht, eigene Quests zu erstellen. Und haben die Mitspieler dieses Add-On auch installiert, geht schon ein bisschen was. Es gibt einen ganzen Haufen von Möglichkeiten, unterschiedliche Quests mit unterschiedlichen Bedingungen zu erstellen, die sogar richtig vom System als erfüllt oder nicht noch nicht erfüllt erkannt werden: töte x Monster Y, besiege Spieler Z im Duell, sammle x Dinge Y. Lauter Aufgaben, die man in Standardquests auch findet. Es lassen sich sogar Belohnungen festlegen. Ob diese jedoch tatsächlich ausbezahlt werden, liegt in der Macht des Auftraggebers – was auch Vorteile hat, schließlich kann man immer mal verarscht werden. Als Belohnungen fungieren jedoch nur Gegenstände, die der Auftraggeber besitzt oder eben Geld. Keine XPs, wer hätt’s gedacht.
Traurig allerdings, dass so ein Add-On eine Spieler-Entwicklung ist und nicht von Blizzard mitgeliefert wird. Denn solche Add-Ons sind fortlaufend in Entwicklung und mitunter nicht voll funktionsfähig. Das wäre allerdings noch zu verknusen (Ostfestfalen). Wirklich ärgerlich ist, dass die privaten Add-On-Entwickler ständig den neuen Patches von Blizzard hinterher programmieren müssen und man andere Spieler erst mühsam überreden muss, sich das Add-On zu installieren. Dabei könnte Blizzard in hohem Maße von einem solchen Add-On profitieren. Nicht nur würde sich ein Teil der Spieler (zu denen ich schon mal gehören würde) mit Ihren eigenen personalisierten Inhalten vergnügen, was den steten Druck auf die Entwickler reduzierte, neue Inhalte zu erzeugen. Überdies beeindrucken vor allem die Zahlen: mit vier Millionen potentiellen Entwicklern kann man Geschichten erfinden, Abenteuer entwickeln und einfach Spielspaß erzeugen, gegen den kein Entwicklerteam anprogrammieren kann.
Viel wichtiger aber wäre, dass das Spiel so von Spielern für Spieler personalisiert werden könnte. Bei HeroQuest waren immer die persönlichen Geschichten die herausforderndsten und am längsten motivierenden. Wenn ich als Spielmeister die Geschichten auf meine Spieler zuschneiden konnte, auf ihre Biografien, ihre Wünsche und Überzeugungen. Sowas kann man mit keinem Fertig-Content aus der Dose leisten. Was nutzt mir in Azeroth das schönste Rollenspiel, wenn hinterher doch jeder zehnmal durch die gleiche Instanz kämpfen muss, um das gleiche Artefakt zu bekommen, das schon hunderttausende Spieler vor ihm bekommen haben? Echte Personalisierung in MMO-Games leistet derzeit kein Spieleentwickler – immer ausgenommen Second Life natürlich. Durch Modularisierung in der Herstellung der Gegenstände, wie es Blizzard mit The Burning Crusade einführen will, kann man die Vielfalt der Gegenständen extrem erhöhen. Aber echte Inhalte, echte Geschichten, echte Abenteuer und echtes Rollenspiel sind das nicht.
Ja, ich kann die Gründe sogar ganz gut verstehen, aus denen Blizzard solche Funktionen nicht einfügt. Beispielsweise war ich reichlich geschockt, als sich die Tage mal ein Spieler vom PvP-Server auf unseren Rollenspiel-Server verirrte und mich als Noob beschimpfte, der in die Schule gehört, weil ich mich nicht mit ihm duellieren wollte. Da will ich lieber nicht wissen, wie es in Azeroth aussähe, dürften solche Leute Inhalte generieren. Was ich aber weiß: das Einzige, was mich derzeit vom Kündigen abhält, ist das schöne Art Design des Spiels, die Liebe und Schönheit, die in der Welt steckt – eine Art 3D-Fotoalbum, ein Comic ohne Geschichte. Als Spiel habe ich es abgehakt, weil es mich schlicht langweilt.
Aber ich bin sooo kurz davor, mir eine HeroQuest-Kiste zu ersteigern.
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