Angefangen hat alles mit dem Hexenmeister vom Flammenden Berg, dem Schuft. In der fünften oder sechsten Klasse bekam ich das Buch von einem Mitschüler, und bald darauf verbrachte ich meine Abende und Ferien mit dem Durchabenteuern der Bücher von Steve Jackson (dem Engländer, nicht zu verwechseln mit seinem amerikanischen Namensvetter, der auch in Rollenspielen macht) und Ian Livingston. Das Prinzip war einfach für einen Sechstklässler wie geschaffen: Jederzeit und ohne Strom konnte man das Buch nehmen und ein spannendes Abenteuer erleben.
Für diejenigen, die das Prinzip nicht kennen: das Buch ist in nummerierte Abschnitte eingeteilt. Jedes Abenteuer beginnt mit Worten wie »Du bist der einsame Held und stehst vor dem Flammenden Berg, den zu bezwingen du beschlossen hast. Das Tor zum Berg wird bewacht von einem schlafenden Troll. Willst du versuchen, dich an dem Troll vorbeizuschleichen? –> Lies weiter bei 123. Willst du den Troll angreifen? –> Lies weiter bei 321.« Bei dem einfachen Kampfsystem, bei dem man würfeln muss, habe ich immer alle Kämpfe gewonnen – in der Pause auf dem Schulhof oder abends unter der Bettdecke.
Steve Jackson und Ian Livingston haben ihre Karrieren damit begonnen, Brett- und Rollenspiele aus Amerika zu importieren. Die Spielbücher entwickelten sie in den frühen Achtzigern und erreichten damit Deutschland, als ich in der fünften oder sechsten Klasse war. Der nächste Schritt war Anfang der Neunziger HeroQuest von MB. Das hatte für mich damals erst mal nicht viel mit Steve Jackson und Ian Livingston zu tun, zumal ich auf Autoren von Büchern oder Spielen nicht viel gab.
HeroQuest war ein Hit – für MB und für mich. Endlich coole Plastikfiguren von fiesen Orks und Chaoskriegern, die man zuvor nur aus den eher weniger coolen Illustrationen der Bücher kannte. Und man konnte mit einfachen Regeln zu mehreren zocken. Wie in den Büchern gewannen die Helden immer, was mir wenig ausmachte, weil ich schon damals gerne den Spielmeister abgegeben habe. HeroQuest war für mich damals mehr als nur ein Brettspiel. Schnell hatte ich mir eine Kopiervorlage gemalt und auf dem Kopierer der Schule vervielfacht. So konnte ich schnell ganze Kampagnen zusammenbasteln. Mit aufregenden Handlungsverläufen und neuen Herausforderungen.
Bei einem Ausflug in den alternativen Spieleladen der nahegelegenen Großstadt fanden wir dann die Figuren und Spiele von Games Workshop, die eine erstaunliche Ähnlichkeit mit denen von HeroQuest hatten. Kein Wunder. Games Workshop produzierte die Figuren für HeroQuest und wurde 1975 von niemand geringerem als Steve Jackson und Ian Livingston gegründet. Mit den Tabletop-Spielen der Warhammer-Serie ist Games Workshop inzwischen weltweit berühmt. Damals mussten wir entweder kaufen, was der Laden hergab oder einzelne Figuren und Bücher mühsam aus England bestellen.
Lange und mit anhaltender Begeisterung habe ich die Wochenenden meiner Schulzeit in Warhammerwelten verbracht. Und als Warcraft auf meinem PC lief, fühlte ich mich sofort so zuhause, dass ich bis heute der Meinung bin, Blizzard habe mit Warcraft mehr als ein Auge auf Warhammer geworfen. Hier stellt sich die Frage: Was zur Hölle haben die beiden Kerle in einem Blog über Computerspiele verloren? Lange Zeit hätte ich selbst keine Antwort auf diese Frage gewusst. Erst als ich vor kurzem aus einer nostalgischen Regung heraus Nachforschungen über den Hexenmeister vom Flammenden Berg und Games Workshop betrieben habe, kamen einige interessante Fakten ans Licht. Doch erst weiter mit meiner eigenen Geschichte.
Ohne den begeisterten Rollenspielern und Warhammer-Fans da draußen zu nahe treten zu wollen, war das Ende der Schulzeit für mich auch das Ende für diese Spiele. Die große Spielesammlung wurde an jüngere Enthusiasten verkauft und stattdessen während des Zivildienstes eine PlayStation angeschafft. Der Grund für meine erste PlayStation trug einen Zopf, zwei Pistolen und den Namen Lara Croft. Bis dato waren Konsolen nicht mein Ding. Ich war nie Zielgruppe von Nintendo und Sega. Aber Tomb Raider, das ich zum ersten mal bei einem Kumpel gespielt habe, hat mich total angefixt. Kunststück: Indiana Jones konnte ich schon immer leiden und Grafik, Spielprinzip, Leveldesign und Atmosphäre waren großartig. Genau mein Ding. Und hier schließt sich der Kreis.
Ian Livingstone hat sich 1994 bei Domark eingekauft. Domark verwandelte sich 1995 zu Eidos mit Livingstone als einem der Bosse und veröffentlichte 1996 Tomb Raider von Core Design. Steve Jackson gründete zusammen mit Peter Molyneux die Lionhead Studios, die als erstes Black & White entwickelten. Ich finde es sehr beruhigend, dass Steve Jackson und Ian Livingstone mich auf meinem Spieleweg begleitet haben und mir dabei immer einen Schritt voraus waren. Danke, Gentlemen!
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