Seit fast drei Wochen ist das Sorrow’s Furnace Update da, Guild-Wars-Fans frohlocken und stürzen sich in die neuen Gebiete. Einen neuen Soundtrack für diese Gebiete gibts auch, aber weil es ja zu einfach gewesen wäre, den direkt ins Update zu integrieren, müssen ihn Interessierte separat von Direct Song herunterladen. Ganz schön clever.
Direct Song ist ein Service, der künftig zu bereits erschienenen Spielen kostenpflichtig Musik nachliefern will. Ein solches »Music Pak« soll demnächst für Guild Wars erscheinen und die inzwischen anderthalb Stunden Musik im Spiel um eine weitere Stunde ergänzen. Logisch, dass man sich eine Gelegenheit wie das Sorrow’s Furnace-Update nicht entgehen lässt und die Fans mittels eines kostenlosen Appetithäppchens schon mal auf seine Webseite locken will.
Tatsächlich ist die Musik für Sorrow’s Furnace ganz nett geworden und die Einbindung ins Spiel funktioniert problemlos. Ebenso wie der schon früher erschienene Guild Wars Special Edition Soundtrack wird das aktuelle Pak als DRM-verpacktes Windows Media Audio angeboten. Allerdings hat man die Daumenschrauben angezogen: Auf CD brennen lässt sich die Musik nicht mehr. Einen legalen Weg, den Soundtrack beispielsweise unterwegs auf seinem iPod zu hören, gibt es damit auch nicht mehr. Bei den zukünfigen kostenpflichtigen Paks entfällt diese Möglichkeit ebenfalls.
Stephen vom Support bei Direct Song bedankt sich zwar höflich für meine diesbezügliche E-Mail, hat aber deutliche Schwierigkeiten nachzuvollziehen, was mir als potenziellem zukünftigen Käufer an dieser Regelung missfällt. Schließlich sei die Musik »mastered for in-game use only«. Lieber Stephen, erzähl das mal den Leuten, die einen WMA-fähigen tragbaren Player haben, die können das Zeug nämlich durchaus ohne Probleme und legal unterwegs hören. Mit kleinen Umwegen kriege ich die Musik natürlich immer noch auf den iPod, aber das Hören unterwegs ist dann plötzlich illegal! Wenn ich mir Musik kaufe, und mag es auch Spielemusik sein, dann will ich selbst bestimmen, wann und wo ich sie höre, ohne mir für jedes dahergelaufene DRM-System einen eigenen Player kaufen zu müssen. Danke.
Meine anfängliche Begeisterung für Direct Song leidet darunter erheblich. Jeremy Soules Interview bei IGN bringt sie vollends zum Erliegen.
In der Vergangenheit habe ich mit vielen Komponisten symphonischer Spielesoundtracks Mitleid gehabt. Die bösen Publisher geben kein Geld für gute Musik, sondern nur für gute Grafik. Weshalb man sich kein Symphonieorchester leisten kann und den Soundtrack mit dem Synthesizer einspielen muss. Im Falle von Jeremy Soule ist dieses Mitleid offenbar völlig unbegründet.
Oben erwähntes Interview lässt leider nur einen Schluss zu: Der gute Mann betreibt die Synthetisierung seiner Musik aus voller Überzeugung. Da fallen Sätze wie »Fans of my work know that I favor big sounds […] In virtual terms, we would need over 400 players to duplicate our sound in an acoustic reality.« Oder, auch schön: »the choir itself is nearing 500 singers. In addition, computers allow me to stretch the boundaries of reality«. Mein Favorit: »The ultimate orchestration we end up with is larger-than-life.«
Völliger Schwachsinn! Wer Soules Morrowind-Thema beim Eröffnungskonzert der diesjährigen Games Convention hören konnte, wird bestätigen, dass das Orchester diese Musik (und das gilt für viele andere dort erklungene Werke ebenso) mit einer Brillianz und Wuchtigkeit wiedergegeben hat, die die Fassung des Synthesizers im Spiel selbst nicht annähernd erreicht. Und das, obwohl das Orchester weit kleiner war als jene vierhundert Spieler, die laut Soule nötig wären, um seinen Sound »akustische Realität werden zu lassen«.
Man muss nicht gleich ins Symphoniekonzert gehen, um sich von den tatsächlichen akustischen Realitäten zu überzeugen. Das Sorrow’s Furnace-Pak kann man bei Direct Song herunterladen. Das dürfte auch ohne Guild Wars abspielbar sein, nehme ich an, obwohl Mo zwei virtuelle Büros weiter gerade im Selbstversuch an seinem prähistorischen Media Player scheitert. [Anm. v. Mo: Media Player Classic ist der einzig Wahre!]
Das Musik Pak vergleiche der geneigte Hörer nun mit diesen dreißig Sekunden aus dem Finale von Bruckners fünfter Sinfonie. Da spielen doch tatsächlich nur knapp über einhundert Leute. Bei Chorpassagen wirkt das noch dramatischer, weil Soules künstlicher Chor extrem schwach auf der Brust ist. In unserem zweiten Klangbeispiel, einem Ausschnitt aus dem Dies Irae des Requiems von Guiseppe Verdi, sind weniger als einhundert Sänger zu hören. Trotzdem klingt der Chor um Welten besser als der synthetische in Guild Wars.
(Unsere Klangbeispiele stammen übrigens aus diesen beiden Aufnahmen.)
Was sagt uns das? Wenn Soule vierhundert virtuelle Orchestermusiker benötigt, um einen halbwegs brauchbaren Gesamtklang zu erzeugen, dann ist das sein Problem. Und auch mit dieser Masse klingt das Ergebnis nicht automatisch so gut wie ein echtes Orchester, geschweige denn besser. Aus den puren Zahlenverhältnissen eine Überlegenheit gegenüber realen Orchestern herleiten zu wollen, so wie er das in diesem Interview tat, ist reichlich gewagt und zeugt von überraschender Unkenntnis der Materie bei einem Komponisten, der fast ausschließlich symphonische Soundtracks komponiert.
Wenn die Direct-Song-Webseite mir laut entgegenschreit »You deserve the real thing!«, dann möchte ich zurückschreien:
Ja, verdammt, das verdienen wir Spieler tatsächlich!
Wenn Spielesoundtracks für große Symphonieorchester geschrieben sind, dann verdienen wir eine vernünftige Einspielung dieser Musik von einem ebensolchen Orchester, nicht irgendwelchen synthetischen Mist.
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