Gespräch mit Boris Schneider-Johne

von kai · 1. September 05 ·

Boris Schneider-JohneBoris Schneider-Johne ist bei Microsoft derzeit Produktmanager für die Xbox-Plattform. Seine früheren Spieleleben lassen sich hier nur stichwortartig zusammenfassen: 64’er, Happy Computer, Powerplay, Starkiller, PC Player, Übersetzungen legendärer Adventures – ach ja, und Hypra-Load für den C64. Das alles hat uns auf der Games Convention aber weniger interessiert. Stattdessen haben wir uns mit ihm während einiger ruhigen Minuten über das Spielverhalten seiner Kinder und seinem eigenen als Vater unterhalten.

B.S.-J.: Zweineunundneunzig!

d-frag: ???

B.S.-J.: 299 Euro wird die Xbox 360 kosten. Die häufigste Frage.

d-frag: Schön. Lass uns über deine Kinder reden. Du hast zwei?

B.S.-J.: Ja. Einen Sohn, sechs Jahre alt, und eine Tochter, die am Freitag drei Jahre alt wird. Darum fliege ich zu ihr zurück, Geburtstag feiern, und dann werde ich wieder zur Games Convention zurückkehren.

d-frag: Spielen deine Kinder Computerspiele?

B.S.-J.: Mein Sohn spielt jetzt Löwenzahn, ich habe letztens darüber gebloggt. Die Kinder sehen natürlich, dass meine Frau und ich am Computer sitzen, da wollen sie natürlich auch mal ran.

d-frag: Deine Frau spielt auch?

B.S.-J.: Wenn man eBay ein Spiel nennen will… nein, im Ernst, es wird so viel über Frauen und Spiele geschrieben: vergesst mir eBay nicht, das ist das perfekte Spielmodell.

d-frag: Wieso das?

B.S.-J.: Wenn ich meiner Frau dabei zusehe: die Mechanik des Suchens, die Emotionen, wenn sie etwas findet oder nicht ersteigern konnte – das ist wie bei einem Spiel.

d-frag: Welches Genre wäre denn eBay?

B.S.-J.: Na, Sammeln, Suchen… Adventure oder RPG wohl.

d-frag: Noch mal zu deinen Kindern.

B.S.-J.: Ja, mein Sohn spielt wie gesagt Löwenzahn. Aber das ist zum Teil sehr frustrierend für ihn. Auch für mich. Es gibt darin Geschicklichkeitsspiele mit Zeitlimit, die kaum zu schaffen sind.

d-frag: Spielt deine Tochter auch?

B.S.-J.: Nein. Wenn man nicht die elektronischen Lernspiele dazuzählt. Damit hat sie gerade angefangen.

d-frag: Ach ja, du hast ja neulich auch die Micky-Maus-Ausgabe mit Handheld gekauft. War das für deine Tochter?

B.S.-J.: Nein! Natürlich für mich! Bei einem Handheld für drei Euro kann ich doch nicht widerstehen.

d-frag: Wie lange spielt dein Sohn?

B.S.-J.: Nach höchstens einer Stunde ist es genug. Er könnte vermutlich noch, aber ich schränke es dann ein. In drei, vier Jahren ist mein Einfluss wahrscheinlich geringer und er wird Wege finden, so lange zu spielen, wie er will.

Boris Schneider-JohneIch möchte, dass meine Kinder möglichst viel ausprobieren, viel kennen lernen. Es geht mir um einen vernünftigen Umgang auch mit Spielen. Wenn er jetzt in die Schule kommt, wird sicherlich der soziale Druck stärker. Es gibt ja schon Kindergartenkinder, die eigene Game Boys haben. Aber ich denke auch immer daran, dass ich selbst nicht so früh mit Computern in Kontakt gekommen bin. Mit einem PET 2001. Das war 1978, ich war 12 Jahre alt.

d-frag: Beschreibe doch mal, wie dein Sohn spielt.

B.S.-J.: Er will Ziele erreichen, Aufgaben lösen. Dabei ist er sehr ehrgeizig. Es gibt ein Geräusche-Memory bei Löwenzahn, das er sehr mag. Er spielt auch viel mit Fischertechnik und Lego, wo er ja auch Aufgaben löst. Bei den schweren Geschicklichkeitsspielen am Computer ist er schnell frustriert und fragt mich dann, was er besser machen kann.

Boris Schneider-Johned-frag: Hast du ihm auch schon mal »erwachsenere« Titel spielen lassen? Die sieht er doch sicherlich, wenn du spielst, oder?

B.S.-J.: Nein. Wir haben gar keine Xbox im Wohnzimmer, sondern nur im Keller. Im Wohnzimmer steht bloß der Laptop für’s Internet. Die Kinder gucken da schon mal mit uns zusammen nach Dingen im Netz, die sie interessieren. Bei Spielen halte ich es für wichtig, auf die Alterskennzeichnung zu achten.

d-frag: Aber es gibt doch (auch für die Xbox) Spiele ohne Altersbeschränkung?

B.S.-J.: Ja, aber die spielen meine Kinder noch nicht. Es sind ihnen ja auch viele andere Dinge wichtig.

d-frag: Wie hat sich dein eigenes Verhältnis zu Spielen verändert, seit du Vater bist?

Boris Schneider-JohneB.S.-J.: Da gibt es zunächst die logistische Seite. Ich spiele wesentlich mehr unterwegs. Game Boy-Spieler bin ich schon immer, aber seit die Kinder da sind, spiele ich noch mehr mobil. Ich habe jede Variante des Game Boys zu Hause und werde mir natürlich auch den Game Boy Micro kaufen, obwohl ich nicht weiß, warum. Dann spiele ich natürlich auf dem Nintendo DS. Ich bin der größte lebende Wario-Fan. Another Code habe ich allerdings gehasst. Aber: Yoshi Touch & Go! Da sagen manche ja, das sei zu kurz, doch dieses Spiel hat bei mir seit langer Zeit mal wieder den Ehrgeiz geweckt, einen Level perfekt zu erledigen. Am PC spiele ich eigentlich gar nicht mehr. Das liegt schon an dem Installationsaufwand. Beim kommenden Age of Empires 3 denke ich vielleicht noch mal darüber nach…

d-frag: Verlangt nicht die Berufsehre, dass du diesen Titel sowieso spielst?

B.S.-J.: Ach, über dieses Stadium bin ich hinaus. Nein, ich muss nicht alle Spiele von Microsoft spielen. Ich bin übrigens auch kein guter Shooter-Spieler.

d-frag: Und neben der logistischen Seite?

B.S.-J.: Gibt es die inhaltliche Seite. Obwohl – eigentlich habe ich Gewaltspiele noch nie gemocht. Darum habe ich auch ein Problem mit vielen aktuellen Titeln. Nach der letzten E3 hatte ich den Eindruck, dass es nur noch Spiele mit Zombies, Gangstas und Nazis gibt. »Zombies aus der Hood im zweiten Weltkrieg« fehlt noch. Das ist auch so eine Sache bei der Präsentation der neuen Xbox. Wenn ich von der noch realistischeren Grafik spreche, dann denke ich an Spiele wie Project Gotham Racing. Aber auch in der Gewaltdiskussion geht es inzwischen um diese Aspekte: die Gegner bekommen in den neuen Titeln ein Gesicht, sind Individuen. Das intensiviert die Gewalt. Wenn aber ein Entwickler so etwas erkennt, kann er es andererseits auch nutzen. Bob Bates zum Beispiel hat dies früher schon häufig genutzt, indem er die Freunde der Hauptfigur sterben ließ, um Emotionen beim Spieler zu erzeugen.

Boris Schneider-JohneWenn ich in einem Spiel einem Gegner gegenüber stehe, der mir etwas versperrt, dann gibt es entweder das »Prinzip Hitman«: vorbei um jeden Preis. Oder das »Prinzip Splinter Cell«: Du kannst vielleicht vorbeischleichen, aber manchmal ist eine böse Tat unumgänglich. Das musst du abwägen. Auf der Xbox gibt es Titel beider Arten. Interessant finde ich Without Warning, ein Spiel, bei dem man Antiterroreinheiten, aber auch eine Sekretärin spielt, die später den Antiterroreinheiten hilft. Das ist eine neue Rollenverteilung im Spiel. Ich will nicht mehr den einsamen Helden spielen, der Nazis tötet.

d-frag: Eine Frage zu deinem Blog. Nach der Umbenennung in dreisechzig.net haben einige Leser vermutet, dass du nun im Auftrag von Microsoft bloggst. Was ist an diesem Gerücht dran?

B.S.-J.: Gar nichts. Als der Name für die Konsole feststand, habe ich einfach mal geschaut, welche Domains noch frei sind. dreisechzig.de hat ein Panoramafotograf, .com und .net waren noch frei, also habe ich sie mir gesichert. Die 12,99 Euro zahle ich aus eigener Tasche. Es gibt keine Absprache mit Microsoft. Das können sich tatsächlich viele nicht vorstellen.

d-frag: Bedeutet die Umbenennung, dass der Beruf nun im Vordergrund stehen wird?

B.S.-J.: Ich dachte mir, dass ich sowieso viel mehr über meinen Beruf bloggen werde, darum erschien mir die Umbenennung sinnvoll. Schon zuvor hätte ich gerne auf schnohne.de mehr über die Xbox 360 geschrieben, aber da durfte ich ja noch nicht.

d-frag: Kannst du uns zum Schluss noch sagen, warum man eine PlayStation 3 kaufen sollte?

B.S.-J.: Hmm… vielleicht, weil man ein wirklicher Filmfreak ist und Blue-Ray-Filme sehen will. Nein, ich weiß: Damit man Killzone 2 spielen kann, nachdem man zuvor noch einmal den Trailer auf dem PC gesehen hat.

Nett, mal was "Anderes" über Boris zu lesen!

Herzlichen Dank...
· 2. September 05 · 08:48
cmi meint:
ja, sehr schönes interview :)
· 2. September 05 · 09:13
Khesrau meint:
Schönes Interview, mal ne andere Richtung :)
· 3. September 05 · 01:42
Yez meint:
So, um nicht auch einfach nur "Schönes Interview" zu schreiben und "Bitte jedes einzelne Zitat zum Thema Erziehung zu Medienkompetenz Fett setzen!!!" , möchte ich mal in zwei andere Richtungen ausholen, die mir wichtig sind:
1. Boris Schneider hat in meiner Wahrnehmung einen ganz speziellen Sonderplatz. Der Mann gehört nämlich zu den Leuten mit einem ganz persönlichen Stil, von denen es in der Fachpresse damals in den Achtzigern zwar jede Menge gab (nein, ich meine nicht nur Heini Lenhart), aber die in den Neunzigern nicht mehr nachwuchsen und heute fast ausgestorben sind. Daher meine Bitte an die Fachpresse: Traut euch, Profil zu zeigen! Schreibt Artikel, die sowohl Leserbriefe erzeugen wie "Ich bring Dich um!" als auch solche wie "Hätte ich nie für möglich gehalten, daß ich sowas mal lesen darf!".
2. Warum wird die 360 in Deutschland ein Erfolg werden? Weil hier jemand im Team sitzt, der Ahnung von dem hat, was wichtig an diesem Produkt ist und das auch sehr souverän rüberbringen kann. Und das sind nicht die BWL-Tabellen. Ich wiederhole mich wahrscheinlich und werde das noch öfter tun: Solange die BWL.gebildeten Produkt-Manager in der Meinung ist, es ist egal, ob das Produkt ein Fruchtjogurt oder ein Fernseher ist, Hauptsache die (ohnehin grundsätzlich frisierten) ROI und PER-Rechnungen gehen auf, wird man sich hinterher imer fragen, was man falsch gemacht hat. Die haben keine Ahnung von dem, was sie da eigentlich verkaufen, deswegen brauchen die auch teure Marktforschung, die nichts bringt.
· 5. September 05 · 08:39
Yez meint:
Über Punkt 2 könnt ich täglich Streßpusteln entwickeln. Daher auch die vielen Tippfehler...
· 5. September 05 · 08:41

Kommentare sind für diesen Beitrag geschlossen.

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