Dr. Klaus-Peter Gerstenberger ist seit 1998 Leiter der USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle), die jährlich über 2000 Spiele prüft und bewertet. Das jüngste Plakat ihrer FairPlay-Kampagne wirbt mit den folgenden Worten:
Liebe Kunstfreunde,
Sie lieben Michelangelo und Warhol, lesen Shakespeare und Neruda, sehen Spielberg und Stone, hören Mozart und Lennon. Was sagen Ihnen Konrad Zuse und Chuck Carter? Fragen Sie nach. Dann ist Ihnen auch morgen ein Gespräch über Modern Art nicht peinlich.
Und ganz genau deswegen haben wir einmal nachgefragt.
Herr Dr. Gerstenberger, auf dem Plakat vergleichen Sie Spiele- und Hardwaredesigner mit Malern, Autoren, Komponisten und Regisseuren. Außerdem zeigen Sie unter dem Schlagwort »Mystizismus« einen gerahmten Chuck Carter. Gehen wir an Spiele bisher falsch heran?
K.-P.G.: Man kann sie als sportive Aufgaben in digitalen »Arenen« verstehen. Dann geht es um Logik, Geschicklichkeit und e-Sport. Oder wir verstehen das Computerspiel auch als Jahrhundertereignis und neues Medium. Dann reden wir von der Buchdruckkunst des Computerzeitalters, von alten Kulturen des Textes, der Töne, stehender und bewegter Bilder, die mit neuen Technologien im Mensch-Maschine-Dialog zusammengeführt werden.
Zugegeben, ein schönes Bild auf dem Plakat. Bilder schaue ich mir aber doch lieber im Museum an. Warum also soll ich spielen?
K.-P.G.: Wer sich auf Computerspiele einlässt, braucht spezielle Lesefähigkeit. Ich brauche ganz elementar das Verständnis für die Bildsprache bestimmter Genres (als Problemstellungen und Regelverabredungen). Das ist nicht die des Bilderbuches, des Fotobandes, der Fernsehsendung oder des Films. Wenn man die spezielle Lesefähigkeit beim Blick auf den Bildschirm hat, werden Bilder eines Computerspiels auch schön, funktional und ästhetisch. Dann ist unter Umständen auch Splatter schön, zumindest kann er so schön sein wie der »Splatter« bei Hieronymus Bosch.
Bleiben wir bei den Malern. Michelangelo oder Warhol: wessen Spiel würden Sie lieber spielen?
K.-P.G.: Dann hat ein alter und ein moderner Meister produziert. Ich würde Titel von beiden spielen, Myst und Black & White. Und ich habe Spaß an dieser Kunstgeschichte.
Bedeutet das Plakat, dass die USK Kunstkritik betreibt?
Wir kritisieren eher nebenbei eine Sehschwäche
K.-P.G.: Wir kritisieren eher nebenbei eine Sehschwäche, die in einem neuen Medium deshalb kein Kunstereignis erkennt, weil es auch gleich als Pop- und Jugendkultur daherkommt. Eben ein Skandalmedium für Frontal 21 und geeignet zur »Verdoomung der Republik«, wie der Kulturredakteur einer ehrwürdigen Zeitung befand.
Ja, diesen Artikel haben wir auch gelesen. Fassen wir den Begriff »Mystizismus« auf Ihrem Plakat einmal als Kunstepoche auf. Welche gäbe es dann noch außer dem Mystizismus?
K.-P.G.: Das ist ja gerade eine Anregung des Plakates. Wenn die These stimmt, dass mit dem künstlerischen Thema »Bild und Interaktion« ein zentrales Thema der Informationsgesellschaft angesprochen ist, dann wäre es hilfreich, Entwicklungen und »Epochen« besser zu verstehen. Das kann anhand von Genres geleistet werden. Oder man schaut auf den Zusammenhang von Spielphysik, Bildsprache und Interaktion. Oder, oder, oder…
Gab es Reaktionen der »Kunstfreunde« und Spieler auf das Plakat?
K.-P.G.: Ja, viele Gamer erleben ihr Medium ja mit Kunstverstand. Die lieben »Kunstfreunde« empfinden es eher noch als Zumutung, im Zusammenhang von Doom, Die Sims oder Myst vom »Werk« zu sprechen.
Meine Schwiegermutter liest Shakespeare und hört Mozart. Obwohl sie Ihr Plakat kennt, kann ich sie nicht überzeugen, mit mir Trackmania Sunrise zu spielen. Was raten Sie mir?
K.-P.G.: Ich habe keinen Rat. 50 Prozent der Deutschen kaufen keine Bücher. Das gilt als bedenklich. Weil lesen als Kulturtechnik hohes Ansehen genießt. Wer mit Büchern aufgewachsen ist, wird auch später ein Bücherwurm bleiben. Wer mit digitalen Spielen aufgewachsen ist, wird später auch Spieler bleiben. Neue Medien müssen in die Jahre kommen. Dann ist auch ihre »Kunstfähigkeit« eine Alltagserfahrung. Dann beschreibt »Verdoomung« allenfalls ein peinliches Missverständnis.
Was fasziniert Sie persönlich eigentlich am meisten an Computerspielen?
K.-P.G.: Dass scheinbar alles von mir abhängt.
Und ihr schönster Spielmoment?
K.-P.G.: Als ich in Black & White merkte, dass mich »unendliche« Möglichkeiten nicht interessieren.
Kommen wir zur letzten Frage. Auf meinem Nachttisch liegen ein Drama von Shakespeare, Gedichte von Neruda und ein Nintendo DS mit Animal Crossing. Was davon empfehlen Sie mir für die Lektüre vor dem Einschlafen?
K.-P.G.: Die Gedichte von Neruda. Ich jedenfalls mag keine Monster im Bett.
Herr Dr. Gerstenberger, vielen Dank für dieses Gespräch.
Kommentare sind für diesen Beitrag geschlossen.