Double Life

von mo · 2. Mai 05 ·

Double LifeDer Welt in 60 Sekunden zu erklären, dass es noch andere Welten gibt, ist nicht leicht. In 60 Werbesekunden eine Marke zu verkaufen, gelingt nur selten ohne geistlose Platitüden. Der Werbespot »Double Life« von James Sinclair und Frank Budgen schafft nicht nur beides, er hat das Wesen des Videospielens auch besser verstanden als so mancher Branchen-Insider. Und er ist, ganz nebenbei, einer der besten Werbespots der letzten Jahre.

Double LifeMenschen in Schnappschüssen alltäglicher Situationen gestehen ihre Schuld. Wir sehen intime Bruchteile ihres Lebens, während sie uns, uns allein ihre Verfehlungen beichten. Sie scheinen keine Gemeinsamkeiten zu haben, und doch haben sie eine: alle führen seit Jahren ein Doppelleben. Um ihrem Alltag zu entfliehen, um ihre Grenzen auszuloten, um ihren eigenen körperlichen Schwächen zu entkommen oder schlicht: um sich zu unterhalten.

For years, I’ve lived a double life.
In the day, I do my job –
I ride the bus, roll up my sleeves with the hoi polloi.
But at night, I live a life of exhilaration,
of missed heartbeats and adrenalin.
And, if the truth be known, a life of dubious virtue.
I won’t deny it – I’ve been engaged in violence, even indulged in it.
I’ve maimed and killed adversaries – and not merely in self-defence.
I’ve exhibited disregard for life, limb and property,
and savoured every moment.
You may not think it, to look at me,
but I have commanded armies and conquered worlds.
And though in achieving these things I’ve set morality aside,
I have no regrets.
For though I’ve led a double life, at least I can say:
I’ve lived.

Double LifeDieser Text aus der Feder James Sinclairs stellt selbst ohne Bilder ein mächtiges Statement dar. Die Sprachebenen vom abfälligen »hoi polloi« (die gemeine Masse) bis hin zum gehobenen »for though« oder dem Idiom »life and limb« (im übertragenen Sinne: Leib und Leben) spiegeln die Gegensätze der gezeigten Personen. Im Zusammenspiel mit der Bildästhetik des Regisseurs Frank Budgen erzeugen die Wörter trotz oder wegen ihres kontroversen Inhalts eine beinahe ehrfürchtige Stimmung. Natürlich wirkt jede Einstellung, jede Silbe ungeheuer manipulativ - es ist schließlich Werbung. Doch warum sollte man sich gegen Schönheit wehren?

Double LifeEin tiefschürfender Psychologe könnte die Funktionen der einzelnen Menschentypen bestimmt vielschichtig zerlegen. Soweit gehe ich hier nicht und führe bloß zwei Beispiele für die enge Verbundenheit von Text und Person an: die mädchenhafte Verkörperung einer zweifellos tugendhaften Jungfrau spricht die Wörter »dubious virtue« (zweifelhafte Tugend) neben ihrem – ja, was eigentlich? Vater? Aushalter? Lover? Zweifelhaft, in der Tat. Und bei einem unscheinbaren Wörtchen wird die Text-Bild-Symbiose noch deutlicher: »limb« heißt wörtlich übersetzt »Extremität«. In der Textzeile »I’ve exhibited disregard for life, limb and property« wird dieses Wort, nur dieses eine Wort von einem Rollstuhlfahrer ausgesprochen. Von jemandem also, dem nicht mehr alle Extremitäten gehorchen. Großartig komponiert.

Double LifeWas das mit Spielen zu tun hat? Alles. Auch ich habe Armeen kommandiert und Welten erobert – genau wie die Dame, deren Millisekunden-Auftritt Gänsehaut erzeugt. Auch ich habe Grenzen überschritten, Städte vernichtet, Fußball gegen Weltmeister gespielt, Raumschiffe gelenkt oder quietschebunt gekleidet ulkige Pilze zermatscht. Ich war gewalttätig und friedensstiftend. Oft grundlos, einfach darum. Im Spiel, ohne Strafe fürchten zu müssen. Denn in der Realität des Kinos, der Bücher und vor allem der Spiele darf ich alles. Credits an die Evolution für das größte Geschenk und den bösesten Fluch, die mächtigste Waffe und die gemeinste Schwäche: Einbildungskraft.

Double LifeDiese Idee lassen Frank Budgen und sein Team in Bild, Musik und Schnitt mit so wirksamer Intimität auf den Zuschauer los, dass sie dafür zurecht mit Preisen überschüttet wurden. Ach ja, das beworbene Produkt ist übrigens die Sony PlayStation. Aber so dumm ist der Werbespot nicht, dass er die noch zeigen müsste.

(Den 6 MB großen Quicktime-Clip kann man sich hier oder dort anschauen. Für Untertitel-fähige Videoplayer und des verbalen British English nicht so mächtigen Zuschauer dienstleisten wir diese schnuckelige Untertiteldatei.)

Lucomo meint:
Klasse Artikel! In seiner Qualität und Aussage wirkt er wie ein Faustschlag (Achtung: metaphorisch gemeint!) aufs Auge solcher Journalisten, die sich wie bei dem Pseudo-Polit-Magazin "Frontal 21" vom ZDF neulich so volksverdummend über Computerspiele ausließen.
· 2. Mai 05 · 14:14
Micha meint:
Schließe mich meinem Vorkommentator an - Klasse Artikel.
· 2. Mai 05 · 16:11
Besux meint:
Stimme in die Lobeshymne mit ein - der Text, sowie euer ganzes Projekt gefallen mir bisher sehr gut. Kann man ja leider nicht über viele Seiten zum Thema Spiele sagen ;)
· 2. Mai 05 · 19:05
Catweasel meint:
Hab Euch in unserer Gamingsendung erwähnt. Ihr solltet mehr gelesen werden.


Greetz,
Catweasel
· 2. Mai 05 · 22:29
deRed meint:
nu lad ich mir extra deswegen den blöden Quicktimeplayer runter. wehe das Ding is ncih gut!
· 2. Mai 05 · 23:06
mo [d-frag.de] meint:
Danke.
Übrigens gibt's eine angenehme Alternative zum Quicktime-Player von Apple.
· 3. Mai 05 · 00:11
bjk meint:
Jau, prima Artikel!
Ihr seid übrigens eine wohltuende Alternative zu all den anderen Spielemagazinen. - Macht weiter so!
· 3. Mai 05 · 22:34
jetsetradio meint:
Sehr schöner Text, sehr schöne Seite! Mach weiter so, ziemliche einzigartig im deutschsprachigen Raum und ne feine Alternative zu den englischen Blogs.
· 5. Mai 05 · 13:50
Khesrau meint:
Gefällt mir. Ich bezweifle, dass ich so einen Artikel noch irgendwo finde. Auf jeden Fall so weiter machen!
· 6. Mai 05 · 15:08
Micha meint:
Ööööhm ... kommt hier auch noch mal was neues... ?? Oder alles verstorben?
· 15. Mai 05 · 10:58
mo [d-frag.de] meint:
Entschuldigung. Wir leben noch, mussten aber kurz Kräfte sammeln für die Revolution.
· 15. Mai 05 · 20:00
Royal_23 meint:
man merkt: die werbeverantwortlichen für playstation wissen, was ankommt
wie schon dieser spot "the mountain" oder wie es hieß

klasse geschriebener artikel!
· 12. Juni 05 · 16:36
fab meint:
der spot ist allerdings schon ein paar jahre alt. trotzdem ist er noch gut (oder gerade deshalb).
· 13. Juni 05 · 15:48

Kommentare sind für diesen Beitrag geschlossen.

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